Wie romantisch muss es sein, auf einem Schiff oder einem Boot oder einem Kanu einfach loszuschippern. Alles hinter sich lassen. Der Sonne entgegen. Dem Fluss nach. Und schauen, was da kommen mag. Seeungeheuer, Sirenen … ach so nein, das war aus der Odyssee. Egal. Als mir am sommerurlaublichen Elbufer am Kanusteg am Pieschener Hafen zwei umtriebige Herren mit Strohhüten auffallen, die fröhlich Proviant in einem Kanu verstauen, ergreife ich die Chance. Mit Reinhardt und seinem Freund Jan plaudere ich über die kleinen und großen Fragen des Lebens. 
Ahoi, Herr Kapitän!
Reinhardt: Moin!
Sie kommen aus dem Norden?
R: Ja, relativ nördlich. Ich komme aus Niedersachsen und mein Kanupartner aus Schleswig-Holstein.
Und jetzt durchqueren Sie gemeinsam Deutschland, wie ehrgeizig.
R: Naja, wir sind erstmal bis an die tschechische Grenze gefahren und von da sind wir jetzt vier Tage lang flussabwärts in Richtung Sachsen-Anhalt gepaddelt.
Vier Tage zusammen in einem engen Kanu, da muss die Chemie aber sehr stimmen, oder?
R: Ja, wir kennen uns jetzt schon seit gut 15 Jahren. Wir waren zunächst Kollegen, jetzt sind wir beide Rentner. Ich war Umweltbeauftragter der Hannoverschen Landeskirche und Jan war dasselbe für die Nordkirche. Daraus wurde dann eine Freundschaft, die uns auch auf den Fluss führt.
Worüber redet man denn da die ganze Zeit, wenn man vor sich hin paddelt?
R: Das hab ich mich ehrlich gesagt auch gefragt! Aber mein Eindruck ist, dass wir gar nicht so viel reden. Wir haben beruflich ja immer total viel geredet. Im Boot schweigen wir dagegen meistens.
Jan: Stimmt.
R: Wenn ich rede, dann rede ich über die Schönheit der Landschaft, der Dörfer, die blöden Kormorane und die krächzenden Fischreiher.
J: Reinhard kann Fischreiher inzwischen perfekt imitieren.
R: Und immer, wenn ich sie imitiere, fliegen sie schnell weg.
Gibt’s auch mal Streit?
R: Eigentlich findet man bei so einer Fahrt ja ganz viele Gründe zu streiten. Wenn der andere nicht ordentlich paddelt, in die falsche Richtung lenkt, dauernd Pause machen will.
Fast wie in einer Ehe.
R: Bei uns ist es aber eine sehr harmonische Ehe, wir streiten uns nie.
J: Das liegt an unserer Altersweisheit.
R: Und das, obwohl Jan ein ziemlicher Rechthaber ist.
J: Eine Eigenschaft, die Reinhardt natürlich völlig wesensfremd ist.
R: Wir paddeln aber auch schon seit vielen Jahren. Zusammen und auch jeder für sich alleine. Da hat man dann wirklich so viele Erfahrungen gesammelt, dass man weiß, was geht und was nicht.
Das klingt, als wäre eine Kanufahrt regelrecht meditativ.
R: Habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht, aber da ist was dran. Ich denke da nicht super über große Fragen nach, eher darüber, wie schnell wir fahren und darüber, dass meine Schulter jetzt doch ziemlich wehtut. Ich vergesse tatsächlich den Alltag komplett, wenn ich in meinem Faltboot sitze.
Sie brauchen kein Schweigekloster und kein Wellness-Retreat.
R: Absolut, sowas brauch ich überhaupt nicht.
Tut einem der Hintern nicht furchtbar weh, wenn man dauernd in dem kleinen Boot sitzt?
R: Ja, der Hintern tut einem so nach zwei Stunden weh, da machen wir dann Pause am Ufer, strecken uns, recken uns, und dann geht’s weiter.
Aber es kommt nicht vor, dass einer auf dem Fluss im Boot aufsteht und sich reckt und dann kentert das Boot?
R: Neee, dazu sind wir beide viel zu erfahrene Hasen! Das wäre ja grober Unfug und komplette Selbstaufgabe, das würde uns nie passieren.
Also keine gefährlichen Situationen erlebt?
R: Nein.
Keine Krokodile?
R: Nein, kann ich mich nicht erinnern.
Piraten?
J: Ich glaube auch nicht, nein.
R: Die größte Gefahr lauert beim Aussteigen, dass man ins Wasser fällt, aber so niedrig wie die Elbe derzeit ist, wäre das auch nicht lebensgefährlich. 
Wie sehen Sie beide als Umweltfachleute eigentlich die Lage mit Dürre, Hitze, Niedrigwasser und alldem?
R: Darüber haben wir uns neulich beim Abendessen unterhalten und waren uns einig, wie komisch es ist, dass sich die Leute über all das wundern, was jetzt passiert.
Wieso?
J: Weil das ja schon seit 30 Jahren vorhergesagt wird. Wer da jetzt erst aufwacht, hat 30 Jahre weggehört. Wir selbst waren ja immer nur ganz kleine Rufer, eher Verstärker. Aber das lässt uns natürlich nicht unberührt.
R: Emotional berührt es mich, wenn ich sehe, was mit der Klimakrise auf uns zukommt. Es wird zwar etwas gemildert, weil ich es ja schon länger weiß, aber ja…es berührt mich. Ich habe drei erwachsene Kinder und zwei Enkel und ich erwarte, dass meine Enkel kein so geruhsames Leben haben werden, wie ich es hatte. Sie werden gebeutelt sein, durch all das, was die Gesellschaft durch die Folgen der Klimakrise bewältigen muss. Dass meine Enkelkinder wahrscheinlich keine Gletscher mehr sehen werden, ist da noch die am wenigsten dramatische Auswirkung.
J: Es ist ja nicht nur so, dass es einfach nur heißer wird und wir uns auf Hitzewellen einstellen müssen.
R: Genau, das betrifft mich jetzt schon, aber es wird sich ja auf praktisch alle Lebensbereiche auswirken.
Worauf hoffen sie beide?
R: Darauf, dass es sich in wenigen Jahrzehnten nicht radikal zum Negativen ändern. Ich hoffe, dass nicht insbesondere all die Menschen mit wenig Geld die Krise ausbügeln müssen, während es sich die mit viel Geld leicht machen. Das hoffe ich wirklich sehr.
Wie schafft man es dann, trotzdem so vergnügt in einem Kanu zu sitzen?
R: Indem ich eben nicht aufhöre zu hoffen und tue was ich kann.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Zufallsinterview
Idee und Umsetzung – Marcus Ertle
Über den Autor: Marcus Ertle studierte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Augsburg. Er arbeitet als freier Journalist und Autor. Seine Texte und Interviews erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, im SZ-Magazin, im Stern, im Tagesspiegel und bei Krautreporter. Heute lebt er mit seiner Familie in Pieschen. Seine Zufallsinterviewserie „Warten auf …“ erscheint seit vielen Jahren im Augsburger Stadtmagazin Neue Szene und nun auch bei Pieschen-Aktuell.





