Intro: Der Herbst verabschiedet sich langsam, aber sicher und der Winter naht. Aber noch hat die Sonne Kraft und ich mache, wann immer es mein strenger Terminkalender zulässt einen Spaziergang. Etwa an der Elbe. So auch an diesem Nachmittag. Mir fällt ein sympathisch wirkender Mann auf, den ich in den letzten Wochen öfter auf meiner Route gesehen habe. 
Haben Sie gerade frei?
Stephan: Ich habe frei, aber es wäre mir ehrlich gesagt lieber, wenn es nicht so wäre.
Wieso?
Weil ich krank bin, schwerkrank. Ich hatte vor einem knappen halben Jahr eine Krebs-Operation und habe jetzt mit der Rekonvaleszenz zu tun und das wird sich noch sehr lange hinziehen.
Wie sieht diese Zeit der Erholung für Sie aus?
Bei mir wurde der Krebs im Frühstadium erkannt und dann auch gleich operiert und ich habe keine Chemotherapie bekommen. Aber man ist nach einer Krebsbehandlung noch fünf Jahre unter Beobachtung, damit man auch ausschließen kann, dass der Krebs zurückkommt. Wenn ich jetzt aber aufzählen würde, was mir alles aus dem Bauchraum rausgenommen wurde, dann würde das den Rahmen des Interviews sprengen. Bei mir müssen die Organe im Bauchraum erst wieder lernen, miteinander zu funktionieren.
Wurde Ihr Krebs durch Zufall festgestellt oder sind Sie jemand, der beim ersten Zwicken zum Arzt geht?
Ich gehöre zur zweiten Gruppe, ich war aber auch noch nie wirklich krank und dann kam so ein Hammer. Bei mir fing es so an, dass ich nachts einen merkwürdigen Schmerz unterhalb des Brustbeins gespürt habe, sonst hatte ich überhaupt keine Beschwerden. Aber ich dachte mir: lass das mal lieber ansehen. Dann begann eben die übliche Untersuchungskaskade und nach der Diagnose wurde dann recht schnell operiert.
So gesehen hatten Sie Glück.
Das kann man absolut so sagen. Es ging eben alles sehr schnell. Ich hatte eine gute Woche Zeit zu begreifen, dass es jetzt an die Substanz geht. Das war aber besser, als wenn ich ein halbes Jahr auf einen OP-Termin hätte warten müssen. Ich hatte zum Glück auch keine Erfahrung mit Operationen.
Wieso?
Weil ich nicht wusste, was da auf mich zukommt. Das ist schon eine sehr schlimme Erfahrung. Ich war am Tag vor der OP noch mit meiner Frau auf einem Sommerfest, wir haben ein Bierchen getrunken, eine Pizza gegessen, den Sonnenuntergang angeschaut und am nächsten Morgen um halb Sieben musste ich ins Krankenhaus einreiten und kam gleich unters Messer. Als ich wieder aufwachte, war die Welt eine völlig andere.
Inwiefern?
Die ganzen Schmerzen, die Atmosphäre und, womit ich gar nicht gerechnet hätte, dass es mich dermaßen psychisch trifft und in den Keller zieht. Auf der Intensivstation war es echt heftig, wenn dann jemand im Bett neben dir stirbt, das macht schon was mit einem. Zum Glück kam ich dann nach zehn Tagen aus dem Krankenhaus und lag die nächsten Wochen mehr oder weniger in der Hängematte. Ich hab mir aber auch gesagt, du musst was machen, du musst laufen, laufen, laufen.
Am Anfang bin ich aber nicht mal die 300 Meter bis zur Apotheke gekommen und musste mich zwischendurch hinsetzen. Es wurden dann jeden Tag mehr Meter, die Leistungsfähigkeit ist noch lange nicht wieder bei 100 Prozent.
Bei wieviel Prozent sind Sie heute?
Ich würde sagen, bei 70 bis 80 Prozent. Damit kann ich umgehen. Was eine große Herausforderung ist, ist der ganze Verdauungsapparat, das ist meine Hauptbaustelle. Ich hatte auch einen gewaltigen Gewichtsverlust.
Wieviel Gewicht haben Sie verloren?
Achtzehn Kilo. Ich bin ja nun nicht groß und dick gewesen, das war ungefähr ein Viertel meines Körpergewichts. Das ist schon heftig. Ich hab mich schon gefragt, wie viele Wochen ich überhaupt noch da bin, wenn das so weitergeht. Eine ganze Weile blieb ich dann bei 59 Kilo stehen und habe gehofft, dass es nicht noch weniger wird. Ich bekomme deswegen auch Infusionsnahrung. Da schließe ich abends einen Schlauch mit Nährstoffen an, die dann 13 Stunden direkt in den Blutkreislauf gehen. Dadurch habe ich nach vier Wochen immerhin wieder 1,5 Kilo zugenommen. Das war mein Ziel bis Weihnachten und da bin ich im Prinzip schon übers Ziel hinausgeschossen. Ich feier jetzt deswegen noch nicht gleich Weihnachten, aber es macht mir Mut. Ich hoffe jetzt eben, dass mein Verdauungstrakt wieder halbwegs normal arbeitet.
Hat die Krankheit Sie auch mental verändert?
Ich bewerte Dinge heute anders. Einige Dinge haben stark an Wichtigkeit eingebüßt und das ist ganz gut so.
Was für Dinge sind das?
Die Arbeit. Ich bin freiberuflicher Kunsthistoriker und Bildhauer und hatte immer genug zu tun, manchmal auch zu viel, weil man ja nie weiß, wie es weitergeht. Was mir aber jetzt viel mehr bedeutet, ist Zeit mit meiner Familie zu verbringen und Freundschaften zu pflegen. Was mir auch total wichtig ist: Ich bin ein Mensch, der sehr gerne ein nettes Pläuschchen hält, auch mit der Bäckerin oder der gestressten Kassiererin. Das will ich noch viel mehr machen oder auch Leuten auf der Straße Auskunft geben. Mich einfach noch mehr auf die Menschen einzulassen. Ich bin durch meine Krankheit zu einem gemächlichen Spaziergänger geworden. Das ist eine schöne Erfahrung.
Manche entdecken in einer solchen Phase auch den Glauben.
Religion war für mich eigentlich immer ein großes Thema, auch wenn ich nicht gläubig im konfessionellen Sinn bin. Aber ich fände es völlig unlogisch, einfach zu behaupten, dass es keine göttliche Macht gibt. Ich stelle mir da jetzt auch keinen alten Mann mit Bart auf einer Wolke vor, wie es viele tun, die die Religion auf oberflächliche Art ablehnen. Was ich schwer vorstellbar finde, ist, dass all das Schreckliche, das auf der Welt passiert eine Prüfung ist. Aber ich kann mir eine kreative Macht vorstellen, die auf irgendeine Form wirkt. Ihre Frage ist absolut berechtigt. Vorher ist man sich seiner selbst und seiner Leistungsfähigkeit so sicher und dann wird man in eine so tiefe Grube geschubst, aus der man wieder raus will. Da ist man für jede Hoffnung dankbar. Was ich auf jeden Fall spüre, ist große Dankbarkeit, den Menschen gegenüber, die mir geholfen und das Leben gerettet haben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Zufallsinterview
Idee und Umsetzung – Marcus Ertle
Über den Autor: Marcus Ertle studierte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Augsburg. Er arbeitet als freier Journalist und Autor. Seine Texte und Interviews erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, im SZ-Magazin, im Stern, im Tagesspiegel und bei Krautreporter. Heute lebt er mit seiner Familie in Pieschen. Seine Zufallsinterviewserie „Warten auf …“ erscheint seit vielen Jahren im Augsburger Stadtmagazin Neue Szene und nun auch bei Pieschen-Aktuell.




