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Bio für alle - Verbrauchergemeinschaft Dresden


Warten auf…
…die kommenden Zeiten

Pieschen-Aktuell bei Google bevorzugen

Gibt es einen schöneren, einen netteren, einen gemütlicheren, einen geistreicheren und liebevolleren Ort als einen hübschen eingerichteten Buchladen? Vielleicht das Büro unseres Chefredakteurs aber davon ein andermal. Diesmal hat es mich auf der Suche nach einem Kinderbuch in ein herrlich kleines Buchgeschäft. Und weil die Inhaberin Antonia eine Buchhändlerin der gesprächigen Sorte ist plaudern wir ein wenig über Traumberufe, Buchhaltung und die ersten Kunden um zehn Uhr.

Buchhändlerin Antonia Rhau - Foto: M. Ertle
Buchhändlerin Antonia Rhau – Foto: M. Ertle

Du bist beneidenswert.

Antonia: Weil ich einen eigenen Buchladen habe?

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Ja, der Traum unzähliger Schöngeister. Ist der Alltag auch romantisch?

Also morgens fängt es eigentlich eher unromantisch mit dem Auspacken und Herumtragen schwerer Buchkisten an. Dann kommt der unromantische Staubsauger zum Einsatz und dann kommt das Schöne: Die Menschen, die Punkt zehn Uhr in den Laden kommen. Dann weiß man, wofür man aufgestanden ist.

Du bereicherst fremde Leben.

Ja, kann man so sagen.

Was kaufen die meisten?

Eindeutig Kinderbücher.

Ich hätte auf Krimis getippt.

Nein, ich glaube Krimis besorgen sich die Leute eher online. Bei Kinderbüchern wollen sie etwas in die Hand neben, darin blättern und sehen, was es alles gibt.

Was hast du eigentlich vor deinem eigenen Buchladen gemacht?

Ich hab‘ in Berlin als Buchhändlerin gearbeitet. Davor habe ich Stadt- und Regionalplanung das war aber überhaupt nicht meine Welt und nach dem Studium hing ich erstmal in der Luft. Dann wurde eine Stelle bei Weltbild frei und das hat mit total viel Spaß gemacht.

Als Weltbild dann pleiteging und nach und nach alle entlassen wurde, dachte ich mir, dass ich beim nächsten Mal nicht die erste sein will, die entlassen wird, weil sie keine ausgebildete Buchhändlerin ist.

Täuscht es oder ist der Männeranteil bei Buchhändlern eher klein?

Bei Buchhändlern vielleicht, was die Besitzer der Buchläden angeht nicht, da sind die Männer eher in der Mehrheit.

Unter feministischen Gesichtspunkten…

Schrecklich (lacht).

Du machst auf jeden Fall was dagegen. Ist es auch so, wie du es dir vorgestellt hast?

Ja, ich wusste, was mich erwartet.

Was unterschätzen Gründerinnen und Gründer von Buchläden denn gerne mal?

Ich glaube tatsächlich die Buchführung, die Steuer, der Einkauf ist auch nicht so simpel. Es ist ganz wichtig, dass man weiß, wie man beim Großhandel gute Rabatte herausverhandelt. Wenn man das nicht weiß, agiert man nicht unbedingt wirtschaftlich.

Die Gewinnmarge ist schmal?

Ja, man kann sich nicht viele Fehlentscheidungen leisten. Ich habe eben eine Marge zwischen 20 und 40 Prozent pro verkauftem Buch. Viele unterschätzen wirklich, dass Buchhändler letztlich eben doch ein wirtschaftlicher Beruf ist, auch wenn das womit wir handeln etwas Schöngeistiges ist.

Aber ansonsten kannst du doch zwischendrin gemütlich hinter dem Tresen sitzen und ein Buch lesen, wenn du nicht gerade einen schmökernden Kunden zum perfekten literarische Match führst, oder?

Ja, von den schmökernden Kunden allein kann man natürlich nicht leben. Aber ich finde es total schön, wenn jemand im Laden sitzt und schmökert. Klar, ich denke mir schon manchmal, dass es auch ganz gut wäre, wenn der Kunde nicht nur schmökert, sondern auch was kauft.

Wollen die Menschen eigentlich beraten werden?

Die Leute, die zu mir kommen, wollen beraten werden, sonst würden sie zu Thalia gehen.

Gibt es auch komplizierte Beratungsfälle?

Ja, schon, das ist manchmal schon anstrengend.

Ich bin jetzt mal kompliziert. Also, ich will endlich mal ein Buch, das mich unterhält, dabei anspruchsvoll ist, auch Tiefgang hat, auch spannend, aber bitte nicht schwermütig.

Das ist schwierig, weil in fast jedem guten Buch Schwermut vorkommt.

Oh, dann bitte ein schönes, schwermütiges Buch mit einer feinen Prise Humor.

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße von Maxim Leo! Ist auch gerade als Verfilmung im Kino zu sehen. Es geht um einen Antihelden, das ist schwermütig, aber zugleich sehr witzig.

Und zum Weinen?

Ein Sommer mit Anja von Steffen Schroeder. Da geht es um eine tragische Liebe.

Und von den Klassikern?

Der Idiot von Dostojewski, da muss ich auch immer heulen.

Und welches Buch sollte man am besten in die Tonne treten?

Lucinda Riley, furchtbarer Kitsch.

Würdest du auch Dieter Bohlens Autobiografie verkaufen?

Nein, auf keinen Fall. Neulich wollte mir ein Buchvertreter das Helene-Fischer-Liederbuch verkaufen. Keine Chance.

Ach, es gibt sowas wie Buchvertreter noch?

Ja, das sind quasi die Buchhändler von uns Buchhändlern. Die reisen wirklich mit riesigen Koffern durch die Gegend, vor allem wenn sie Kinderbücher verkaufen, da will man ja sehen, wie sich das Buch anfühlt und manchmal ist auch das Cover hässlich, oder der Titel bescheuert, aber der Inhalt ist hübsch.

Dabei werden die Cover insgesamt eher schöner, habe ich den Eindruck.

Das ist wirklich so! Die Cover werden immer schillernder und attraktiver.

Die Autorinnen und Autoren auch?

Würde ich nicht unbedingt sagen. Am Ende muss das Buch den Leser überzeugen, da reicht es nicht, wenn die Autorin oder der Autor einfach nur gut oder spannend aussieht.

Bei allem Kulturpessimismus kann man also sagen: An der Front sieht man keinen Niedergang.

Stimmt!

Kannst du eigentlich von deinem Buchladen leben?

Bis jetzt ist es ein Hobby. Ich muss nebenher noch arbeiten. Mein Ziel ist es, allein vom Buchladen leben zu können.

Lesen die Leute eigentlich weniger als früher?

Naja, sehr viele kaufen ja Bücher als Geschenk, das Leseverhalten kann man aus den Zahlen nicht direkt ableiten. Aber es sagen schon viele, dass sie keine Zeit zum Lesen haben. Da denke ich mir dann: Die Zeit ist schon da, ihr nutzt sie eben anders als früher, zum Beispiel für Netflix oder die Sozialen Medien. Unsere Gehirne sind durch die Überreizung einfach erschöpft. Ich kenne das von mir.

Inwieweit?

Wenn ich nachhause komme, setze ich mich erstmal zehn Minuten in meinen Sessel, um zur Ruhe zu kommen. Dann nehme ich erst ein Buch in die Hand, streiche über den Buchrücken und schnuppere am Papier.

Das wird allgemein glaube ich auch gar nicht richtig wahrgenommen, wie gut Bücher riechen.

Absolut. Und bei jedem Verlag duftet das Papier anders.

Wonach muss ein guter Buchladen duften?

Nach Staub, Tinte und ein wenig nach Kaffee.

Klingt herrlich, vielen Dank für das Gespräch.

Das Zufallsinterview

Idee und Umsetzung – Marcus Ertle

Über den Autor: Marcus Ertle studierte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Augsburg. Er arbeitet als freier Journalist und Autor. Seine Texte und Interviews erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, im SZ-Magazin, im Stern, im Tagesspiegel und bei Krautreporter. Heute lebt er mit seiner Familie in Pieschen. Seine Zufallsinterviewserie „Warten auf …“ erscheint seit vielen Jahren im Augsburger Stadtmagazin Neue Szene und nun auch bei Pieschen-Aktuell.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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