Die Theatergruppe Spielbrett kehrt nach einem reichen Sommer, der mit der Doppelpremiere von „Shakespeares Milliardär“ Mitte Juli begann und in einer exorbitanten Osterz-Tour gipfelte, nun wieder zurück in ihr glorreiches Domizil, das Theaterhaus „Rudi“, und legt mit der neuen Spielzeit los. Schon am 26. & 27. September wird dabei auch der „Milliardär“ wieder heimkehren. 
Doch zuvor gibt es zum Warmwerden noch „Sein oder Nichtsein“, also jene Komödie von Nick Whitby, die nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch in Warschau 1939 und mit dem Verbot von „Hamlet“ während der laufenden Generalprobe spielt (16. & 17. September). Und der komplette Shakespeare, jener Streich von 2022, der 35 Werke des Altmeisters in 100 Minuten mit drei Mann abzuspulen versucht, geht noch einmal auf Gastspielreise gen Göttingen. Dann jedoch kommt „Shakespeares Milliardär“ endlich wieder nach Hause. Und wird wie gewohnt in kollegialer Doppelbesetzung gegeben.
Wilde Performance in drei Ebenen
Zuvor war man, wie seit 1986 (mit „Falstaff“ im Gepäck und Olaf Böhme in der Hauptrolle) üblich, nach der Premiere auf traditioneller Planwagentour mit Pferdewagen (plus Radel) unterwegs, um sich als fahrende Schauspieler fühlend in Shakespeares Zeiten wiederzufinden. Zur 40. Auflage ging es (so wie aller drei Jahre) für eine Woche gen Osterzgebirge, die zweite Station führte in die Kuppelhalle zu Tharandt, wo zu DDR-Zeiten im Badetal neben dem Ex-Gästehaus des VEB Edelstahlwerk „8. Mai 1945“ Freital einer der wichtigsten Jugendklubs des Kreises Freital hauste und nun rund fünfzig Gäste (nur teilweise aus jener Zeit) warteten, während draußen an der Wilden Weißeritz die beiden Zugpferde lustvoll weideten.
Spielbrett ist hier schon oft willkommen gewesen, früher sogar oben auf der Burgruine als passender Kulisse, wobei diese über dem „Deutschen Haus“ thronte. Mittlerweile ist die Burg noch da, während das Haus – einst als Hotel, Gasthof und Kino der Stadtmittelpunkt schlechthin – seit 2014 als Brachfläche mit Freiluftschachspiel in bester Lage den allgemeinen Zustand spiegelt. Die Ruine selbst wird durch die Gemeinde nicht mehr kulturell genutzt.
Sündenpflege & Marionettengeiz
Dabei heißt das neue Werk eigentlich „Timon von Athen“ und ist als Tragödie vermutlich 1606 entstanden, ward aber erst weit nach des Meisters Tod anno 1623 veröffentlicht und gar 1674 erstmals auf der Bühne adaptiert respektive 1851 erstmals im Original aufgeführt. Das hat natürlich Gründe, welche Regisseur Ulrich Schwarz durchaus bewusst sind. So fügt er ironisch „weltbekannt“ hinzu, verwendet den Text „verfasst nach“ als reine Folie und stattet sein Spielquintett jenseits des namensgebenden griechischen Oligarchen klassischer Art – hier von Dorothee Ebert-Bientz in der ihr gegebenen umwerfenden Präsenz gegeben – mit je einer Haupt- und drei bis sechs Nebenrollen in herrlichen Masken, steten Verwandlungen und je einer modernen Puppe aus dem Fundus aus, schert sich dabei nicht um Geschlechter, sorgt mit Interventionen für Spieltempo und behält dennoch den roten Faden bei. 
Denn jener Timon ist dank gehörig sorgsamer Pflege fast aller Todsünden nur ein Scheinreicher. Seine Landgüter sind verpfändet oder beliehen, seine steten Partygäste – hier anfangs pompös auf eine Yacht gebeten – sind derweil nur Schuldscheinreiche und benehmen sich genauso, wie man sich die oberste Kaste, also jene an den Fäden der Macht von Politmarionetten, so vorstellt.
Szenenapplaus für Interventionen
So kommen Senatoren senil wie arrogant angeschlendert, um so weitreichende wie falsche Urteile zu fällen. Sein Verwalter Flavius, hier von Margaret Mittag, die sich aufgrund ihrer musikalischen Interventionen per Flöte oder Gesang zwei Mal Szenenapplaus verdiente, famos gespielt, ist Timon in epischer Treue gegeben, hält derweil die geiernden Eintreiber der Herren, die die Pleite des Gurus erschnuppern (und diese somit leibhaftig hervorrufen), auf Abstand. Bis zu jener finalen Party, bei der Timon noch einmal alles auftischen lässt, was die Herren verdienen: nämlich nichts – also eigentlich Wasser und Steine, hier artgerecht mit Pferdeäppeln übersetzt. 
Und er flieht vor seinen Schuldnern in den Wald von Athen. Dort wird er zum Menschenhasser, bewährt sich einsiedelnd und findet – auf der Suche nach seinen wahren Wurzeln grabend – barrenweise Gold, was in der Umgebung nicht unbemerkt bleibt. So kommen die Gierigen alle wieder: zuerst der vom Senat verbannte Feldherr Alkibiades, der als historisches Original wegen des Hermenfrevels nach Sparta geflohen, später nach Persien übergelaufen war.
Akuter Wahnsinn mit philosophischer Tiefe
Der verspricht ihm als Gegenleistung für die Finanzierung seiner „Hungertruppe“, die ihm nunmehr feindselig gesinnten Athener ordentlich zu meucheln – großartig gespielt von Ronja Schlichting, die zudem die höchste Rollenzahl meistert, während Detlev Degering und Frank Rottscholl, die als Maler und Dichter als verlogen weggeschickt werden, als herrlich korrupte Senatoren glänzen, die den Verstoßenen im Finale als letzte Instanz gegen die drohende Eroberung zurück an ihre Spitze holen wollen …
Lässig werden dabei zeitgenössische Songs mit neuen Texten eingeflochten und die Szenen mit flotten Puppensprüchen verbunden. All dem schaut man so gern wie gebannt zu, denn den Parolen wie „Wahrheit, Sittlichkeit, Belehrung!“ sowie „Jeder Darsteller ein Stern“ – wie sie unter anderem auf der Umrandung auf den Plakaten heißen – ist schwer zu widersprechen. Nebenher bietet der Genuss durchaus Anlass, sich hernach in den Unterschied zwischen Post- und Transhumanismus einzulesen, also mit dem Geisteshorizont akuter Topmilliardäre zu befassen – denn dieser dürfte durchaus noch überlebenswichtig werden.
Theatergruppe Spielbrett
- Nächste Vorstellungen am 26. & 27. September sowie 17. & 18. Oktober
- Theaterhaus Rudi, Fechnerstraße 2a, 01139 Dresden
- spielbrett.info/veranstaltungen/shakespeares-milliardaer-5



