Dorfkern in Altpieschen - Foto: J. Frintert

Mit Wissen durch Pieschen bummeln

In regelmäßigen Abständen bietet der Verein für Regionalgeschichte Dresden, besser bekannt als „Igeltour“, kleine, mit jeder Menge Wissen gespickte Rundgänge durch Dresdner Stadtteile an. Anfang Mai gab es eine Führung mit dem schlichten Titel „Pieschen“. Treff war an der Molenbrücke an der Skultpur „Undine kommt“. Der Himmel gibt sich grau und animiert zum Schirmtragen. Ein kleines Grüppchen lässt sich nicht abschrecken und Marion Schalm begrüßt das Dutzend Pieschen-Neugierige.

Start der Tour an der "Undine" an der Molebrücke - Foto: J. Frintert

Start der Tour an der „Undine“ an der Molebrücke – Foto: J. Frintert

Weil rasante Radler vorbeizischen und auf der Leipziger die LKW brummen, lotst die Tourleiterin Marion Schalm die Gruppe erstmal hinunter zur Elbe, um den Namen des Stadtteils zu erläutern. Pieschen ist schon hornalt: die erste urkundliche Erwähnung gab es im Jahr 1292. Damals als sorbisches Dorf Pesczen, zu deutsch so viel wie Sandgegend.

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Wer in Pieschen mal eine Grube ausgehoben hat, wird wissen warum. Das kleine Dörfchen hat sich über die Jahrhunderte nur langsam entwickelt, die Bewohner lebten mehr schlecht als recht von Fischfang, Landwirtschaft, Obst- und Weinbau und Imkerei. Um das zu unterstreichen, führt Marion Schalm die Gruppe über die Mohnstraße nach Altpieschen, hier stehen mit die ältesten Häuser des Stadtteils und man kann die Dorfstruktur noch gut erkennen.

Wachstum im 19. Jahrhundert

Erst im 19. Jahrhundert, vor allem dank der Eisenbahn wuchs der Stadtteil richtig. Industrie siedelte sich an, Wohnbebauung folgte und so stehen unmittelbar neben der alten Dorfbebauung nun große Gründerzeithäuser. Und dann wird es richtig spannend. Denn hinter der Nummer Altpieschen 5b hat der berühmte Stadtbaurat Hans Erlwein ein für damalige Verhältnisse modernes Asyl für 59 obdachlose Familien sowie für 110 alleinstehende Männer errichten lassen. Später wurde dies in ein Asyl für kinderreiche Familien umgewandelt, berichtet Marion Schalm. Passend dazu krakeelen ballspielend drei Knirps um die geschichtsinteressierte Gruppe herum.

Weiter geht’s, hin zum Dorfkern, der hier einst voller Kneipen gewesen sein soll, der „Pieschener Hof“ erinnert noch an diese Zeiten. Heute gibt es hier einen Spielplatz und im Haus mit der lateinischen Innschrift eine Hebammenpraxis (Pieschen-Aktuell vom August 2017).

"Neue Sachlichkeit" am Arno-Lade-Block. Foto: J. Frintert

„Neue Sachlichkeit“ am Arno-Lade-Block. Foto: J. Frintert

Über die Robert-Matzke-Straße hin geht es nun zu einem architektonischen Leckerbissen, dem sogenannten Arno-Lade-Block. Der Architekt Hans Richter konnte hier in den 1920er Jahren einen Entwurf der „Neuen Sachlichkeit“ für eine Wohnungsgenossenschaft mit Geschäften, Fernheizwerk und Zentralwäscherei entwickeln. Marion Schwalm erläutert ausführlich und kompetent und nimmt sich auch für Nachfragen Zeit.

Trauriger Höhepunkt der Tour: Die Sachsenbad-Ruine

Trauriger Höhepunkt des Rundgangs - die Sachsenbad-Ruine - Foto: J. Frintert

Trauriger Höhepunkt des Rundgangs – die Sachsenbad-Ruine – Foto: J. Frintert

Danach wird es traurig. Die Gruppe steht vor der Ruine des Sachsenbades. Gleich mehrere Teilnehmer erinnern sich, hier schwimmen gelernt zu haben. Weiter geht’s die Rehefelder Straße entlang, hier steht die Katholische Kirche St. Josef, die lassen wir liegen, nicht ohne dass Marion Schalm empfiehlt, unbedingt einmal hineinzuschauen. Nun geht es in die Leisniger Straße vorbei an der ehemaligen Katholischen Volksschule.

Katholische Kirche St. Josef - Foto: J. Frintert

Katholische Kirche St. Josef – Foto: J. Frintert

Danach gibt es freien Blick auf die Eschebach-Werke hinter dem Bahndamm. Die Tourleiterin drängt zur Eile, will sie doch noch etwas zeigen. An der Ecke zur Torgauer Straße verschwindet die Gruppe im Hof. Hier soll einst eine Windmühle gestanden haben. Allerdings war die nur für rund zehn Jahre in Betrieb von 1867 bis 1877. Der Erbauer hatte sich verkalkuliert. Der Stadtteil wuchs rasant und die Felder mussten weichen. Ohne Korn keine Mühle, so wurde sie 1882 abgebrochen. Mehr zur Mühle und dem benachbarten Leisniger Platz in Brendlers Geschichten.

Hier stand im 19. Jahrhundert für kurze Zeit eine Windmühle. Foto: J. Frintert

Hier stand im 19. Jahrhundert für kurze Zeit eine Windmühle. Foto: J. Frintert

Die Tour nähert sich dem Ende. Noch ein kurzer Stopp am Markusplatz mit Details zur Kirche und dem Pieschener Schloss. Entschuldigung, dem Pieschener Rathaus, obwohl die Erbauer müssen sich schon ein bisschen wie Schlossherren gefühlt haben. Immerhin haben es einige der Ratsherren als Profil an die Wand geschafft. Schluss ist dann wieder in Altpieschen am Eiswagen. Die Gruppe applaudiert und ist nun bis oben hin mit Pieschener Wissen vollgestopft.

Das Pieschener Rathaus im milden Abendlicht - Foto: J. Frintert

Das Pieschener Rathaus im milden Abendlicht – Foto: J. Frintert

Igeltour Stadtteil-Geschichten

  • Nächste Termine für „Pieschen – Auf Sand gebaut“ am 5. Juli, 2. August und 6. September. Beginn immer um 16.30 Uhr. Infos und Anmeldung unter www.igeltour-dresden.de
  • Der Verein bietet auch noch weitere Touren durch andere Teile des Stadtbezirks an, so durch Trachenberge Ost oder durch Trachau (mit Pieschen-Aktuell-Autor Klaus Brendler). Überblick auf www.igeltour-dresden.de/stadtteil-geschichten

Weiterführende Informationen

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