Städtisches Klinikum: Kritik an drastischen Einschnitten für den Standort Trachau

Die geplante defacto Schließung des Standortes Trachau als Krankenhaus für die stationäre Patientenversorgung stößt im Dresdner Stadtrat auf Widerstand. So halten die Grünen den Fortbestand einer internistischen und chirurgischen Grund- und Regelversorgung mit 100 bis 150 Betten für möglich und fordern zur Prüfung des Vorschlags ein zweites Gutachten. Es soll auch die „bisher eher ungenauen Angaben zur Bereitstellung von Fördermitteln“ für das rund 500 Millionen Euro umfassende Investitionsprogramm präzisieren, erklärte Wolfgang Deppe, Sprecher für Gesundheit in der Stadtratsfraktion von Bündnis90/Die Grünen. Auch Pieschens CDU-Stadtrat Veit Böhm zeigte sich unzufrieden mit dem am Montag vorgestellten Campus-Konzept für Trachau. Er plädierte für deutlich mehr ambulante Angebote. Zudem sieht er viele Fragezeichen bei den eingeplanten Fördermitteln. „Die Finanzierung dieser Investitionen wird schwierig“, sagte er.

Jens Matthis (Die Linke), Mitglied im Gesundheitsausschuss, untersetzt seine Zweifel an der Finanzierbarkeit mit Zahlen. „Für die dem Konzept zu Grunde gelegten 285 Millionen Euro Bundes-und Landesfördermittel gibt es auf absehbare Zeit keinerlei reale Grundlage. Pro Jahr stehen im Landeshaushalt derzeit 45 Millionen Euro Förderung für ganz Sachsen zur Verfügung“, führt er an und ergänzt einen Vergleich: Das städtische Klinikum St. Georg Leipzig habe für einen Neubau mit 380 Betten im letzten Jahr die Zusage über 101,7 Millionen Euro Fördermittel, verteilt auf mehrere Jahre, erhalten. Das sei die höchste in Sachsen jemals ausgereichte Krankenhausförderung für ein Klinikum. Für Matthis wäre es daher „mehr als leichtfertig, das real vorhandene, traditionsreiche und leistungsfähige Krankenhaus Dresden-Neustadt in Trachau mit über 350 Betten für Luftschlösser in Dresden-Friedrichstadt zur Disposition zu stellen.“

Als „unausgereift“ bezeichnete Stefan Engel, SPD-Stadtrat für Pieschen, das Campus-Konzept. Die Annahmen zu Fördermitteln für Neubauten seien „äußerst optimistisch“. Auch zur Nachnutzung der Bauten in Trachau würden „wirklich belastbare Planungen mit konkreten Zahlen“ fehlen. Er forderte einen „zweiten Blick auf die Gesamtthematik“.

Am Montag hatten Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Klaudia Kaufmann (Linke) und die Leitung des Klinikums ein Campus-Konzept für das Städtische Klinikum und dessen Umsetzung bis 2035 vorgestellt. Gegen die Pläne hatte es bereits im vergangenen Jahr heftigen Widerstand gegeben. Eine von Jonas Leuwer initiierte Online-Petition, die das Zukunftsszenario „Campus Konzept“ und die Schließung von 97 Prozent der stationären Bereiche am Standort Neustadt/Trachau ablehnt, fand 4.912 unterstützende Stimmen.

Trotz ihrer Kritik am Zukunftskonzept für das Städtische Klinikum Dresden sehen Grüne und CDU die Notwendigkeit für die geplante Umstrukturierung. „Richtig und zukunftsweisend ist die Bildung medizinischer Zentren für eine hoch leistungsfähige medizinische Versorgung. Richtig ist auch der Neubau eines Zentrums für psychische Gesundheit am Weißen Hirsch, um deutlich bessere Bedingungen für die Behandlung von Menschen mit psychischen Störungen zu erreichen. Richtig sind ferner die Verstärkung ambulanter und pflegerischer Angebote und der Ausbau des Sozialpädiatrischen Zentrums und des Zentrums für Menschen mit Behinderungen am Standort Trachau“, betonte Wolfgang Deppe. „Wir müssen den Tatsachen ins Auge schauen“, konstatierte Veit Böhm. Die Verluste der letzten Jahre zwingen die Stadt zum Handeln. Defizite bis zu 10 Millionen Euro könnten nicht auf Dauer aus dem Stadthaushalt ausgeglichen werden. Wichtig sei für ihn, dass das ärztliche Personal die Konzentration der stationären Leistungen in der Friedrichstadt aus fachlicher Sicht befürworte. Für Trachau sei der Erhalt und Ausbau der notfallmedizinischen Versorgung von großer Bedeutung.

Für Deppe wird die Reduzierung der medizinischen Angebote in Trachau auf die Notfallversorgung mit 10 Betten „weder im vorgelegten Konzept noch im Gutachten der Beratungsfirma Ernst&Young ausreichend begründet“. So wichtig die weitere medizinische Spezialisierung sei, so unbestreitbar bleibe es auch, dass es nach wie vor viele Krankheiten gibt, die einer hochspezialisierten Behandlung nicht bedürfen. Dazu gehören für ihn zum Beispiel eine einfache Lungenentzündung, die medikamentöse Neueinstellung eines Diabetes-Patienten, die Behandlung einer Blinddarmentzündung oder nicht lebensbedrohlicher Knochenbrüche oder Wunden. Für diese Fälle erscheint der Fortbestand einer internistischen und chirurgischen Grund- und Regelversorgung in Trachau durchaus möglich. „Der Verzicht auf eine solche Versorgung im Dresdner Norden stellt eine schwerwiegende Veränderung für die betroffenen Bürgerinnen und Bürger dar, die der Stadtrat als deren gewählter Vertreter sich gut überlegen muss“, gibt Deppe zu bedenken.

Am 31. März wird sich der Petitionsausschuss des Stadtrates mit der Petition von Antragsteller Jonas Leuwer beschäftigen. Der gelernte Gesundheits- und Krankenpfleger engagiert sich im Aktionsbündnis Pflege in Dresden. Als sachverständiger Bürger hatte er auf Einladung der Stadtratsfraktion Die Linke im September 2020 an der Anhörung zur betrieblichen und baulichen Entwicklung des Städtischen Klinikums teilgenommen. „Die Unterzeichner der Petition fordern, das Zukunftsszenario und den damit einhergehenden Betten- und Stellenabbau im Städtischen Klinikum Dresden abzulehnen und darüber hinaus alternative Szenarien zum Erhalt aller Standorte,
Betten und Stellen zu entwickeln“, heißt es in seinem Statement für die Sitzung den Petitionsausschusses. Zudem habe gerade die Coronapandemie gezeigt, wie wichtig es ist, Gesundheitsversorgung über mehrere Standorte zu dezentralisieren, sowie genügend Personal und Ressourcen vorzuhalten. „Es kann nicht sein, dass die Beschäftigten zu Pandemiezeiten beklatscht wurden und morgen arbeitslos sein sollen“, so Leuwer. „Wir wollen daher eine klare Zukunftsperspektive“.

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