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#nadannmachdoch – Debatte um gemeinschaftliche Nutzung von Stadträumen

Ist das schon Müll oder kann das noch Kunst? Oder kann man Bühnendekoration aus dem Theater, Material aus dem Messebau oder Requisiten aus dem Film vor der Entsorgung bewahren und an Kultureinrichtungen, kreative Projekte, öffentliche Schulen oder Initiativen vermitteln. Diese Frage haben Bruno Grotsch und David Richter eindeutig mit „Ja“ beantwortet und das gemeinnützige Nytt Materialdepot gegründet. Bühnenstoffe, darunter viele aus Samt, ein Eisbären-Kopf, ein 1.50-Meter großes Seepferd, ein 3 x 3 Meter großes Schachspiel mit 70 Zentimeter großen Figuren – Bruno Grotsch zählt Beispiele von dem auf, was derzeit in einer 200 Quadratmeter großen Halle in der Seumestraße in Pieschen lagert.

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Bruno Grotsch sucht für das gemeinnützige Materialdepot neue Räume. Quelle: konglomerat e.V.

Der Mietvertrag für die Zwischennutzung läuft aus. „Zum Jahresende müssen wir raus. Der Eigentümer wird die Halle abreißen. Dort sollen Wohnungen entstehen“, sagt Bruno Grotsch. Ein neues Lager haben die beiden Materialdepot-Betreiber noch nicht gefunden. Das Projekt betreiben sie in ihrer Freizeit, Bruno Grotsch ist Veranstaltungstechniker und arbeitet am Staatsschauspiel.

Das Problem mit dem Raum haben nicht nur die Betreiber des Materialdepots. Es existiert stadtweit. Das unsanierte Bürohochhaus in der Könneritzstraße 25 wird abgerissen. Etwa 150 Mieter – Jungunternehmer, Kreative, Vereine und auch das Sozialkaufhaus – verlieren ihre Räume. Für 5 Euro Warmmiete pro Quadratmeter findet man in Dresden so schnell keinen Gewerberaumersatz. Das Hochhaus weicht einem neuen Wohnquartier.

Ein völlig anderes Raum-Problem hat der Geh8 Kunstraum und Ateliers e.V. in der Gehestraße in Pieschen. Seit 2014 gehört das ehemalige Güterbahnhofsgrundstück der Stadt Dresden. Für die inzwischen entstandenen 11 Ateliers und den 300 Quadratmeter großen Ausstellungsraum eröffnete sich eine langfristige Perspektive. „Dennoch haben wir bis heute keinen Ansprechpartner im Liegenschaftsamt der Stadt“, sagt Vereinsvorstand Paul Elsner. Das habe sich bei der anstehenden Sanierung von Dach, Elektrik und Fassade negativ ausgewirkt. Der Verein sei Mieter und könne nicht die Planung für die Sanierungsarbeiten übernehmen, betonte er und fügte hinzu. „Die Stadt muss ihren Bauherrenverpflichtungen endlich nachkommen.“

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Felix Rüdiger vom Konglomerat e.V.: Die schwierige Raumfrage verbindet viele Akteure. Quelle: konglomerat e.V.

Das Nytt Materialdepot und der Geh8-Verein sind zwei Beispiele aus dem Ortsamt Pieschen, die ein gemeinsames Problem haben: Der Umgang mit Raum in der Stadt. Das hat der Konglomerat e.V. aufgegriffen und will das öffentliche Bewusstsein dafür schärfen. Zu dem Verein, der seinen Sitz im Rosenwerk hat, gehören etwa einhundert aktive Mitglieder, sagte Felix Rüdiger heute bei einem Pressetermin mit vielen Akteuren aus der ganzen Stadt. Sie würden in zehn verschiedenen Gewerken arbeiten und teilen ein gemeinsames Problem: Die Raumfrage. Der Verein hat diese zunächst auf seine Weise gelöst und feiert jetzt mit einem dreitägigen „Konstruktival“ Richtfest für die Werkstattcontainer. „Politik und Verwaltung sollten verstehen, dass das Miteinander, das gerade im Prozess der Kulturhauptstadt-Bewerbung ständig beschworen wird, nur funktioniert, wenn die Akteure auch über Räume verfügen“, sagte Rüdiger. Der Verein hat klare Forderungen an die Stadtpolitik formuliert. „Die Stadt muss erkennen, welches Potential in der Einmischung in den Immobilienmarkt besteht und politische Druckmittel wie das Vorkaufsrecht und Bebauungspläne gewinnbringend einsetzen“, heißt es in einem Positionspapier. Flächenpolitik sei Gesellschaftspolitik.

Das betonte auch Elisabeth Wulff-Werthner vom Pieschener Zentralwerk-Verein. „Wir haben kein Raumproblem“, sagte sie. Gemeinsam mit der Trias-Stiftung sei es gelungen, 7.500 Quadratmeter der Verwertungslogik des Immobilienmarktes zu entreißen. „Alles andere war und ist mit dem hohen Einsatz vieler privater Akteure verbunden“. Die Stadt sollte bedenken, dass der Boden allen gehört. „Er ist Gemeingut“, betonte sie.

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Anja Osiander forderte für die Initiative „Wohnen am Leipziger Bahnhof“ eine breite Beteiligung an der Entwicklung des Geländes. Quelle: konglomerat e.V.

Große Hoffnung in neue Lösungen für gemeinschaftlich genutzte Räume hat die Bürgerinitiative „Wohnen am Leipziger Bahnhof“. In ihrem Konzept „Baukultur Stadt Dresden“ heißt es, dass das Gebiet am Alten Leipziger Bahnhof „wie geschaffen ist für die mustergültige, ja modellhafte Integration sozialer, ökologischer und ökonomischer Belange bei der Entwicklung urbaner Quartiere“. Es liege auf der Hand diese Diskussion mit der über die Kulturhauptstadt Europa zu verknüpfen. „Wir wollen diese Debatte mit einem kreativen Impuls für die Stadt verbinden“, sagte heute Anja Osiander von der Bürgerinitiative. „Baukultur als Handlungsfeld und Ergebnis von bürgerschaftlichem Engagement ist geeignet, das besondere Profil von Dresden als Kulturhauptstadt Europa 2025 zu prägen“, unterstrich sie.

Auf die immer wieder beschworene Verknüpfung der Kulturraum-Aktivitäten mit der Bewerbung um die Kulturhauptstadt Europa ging Valentina Marcenaro in einem kurzen Statement ein. Sie ist im Kulturhauptstadtbüro zuständig für die Bürgerbeteiligung. „Es ist eine unglaubliche Kraft, die hier entsteht“, sagte sie. Unter dem Aktionstitel „nadannmachdoch“ sei durch zahlreiche Initiativen eine öffentliche Debatte um die Räume für Kultur in Dresden aufgegriffen worden.

Dennoch scheint die Kommunikation zwischen Stadtverwaltung, zu der das Kulturhauptstadtbüro gehört, und den vielen Akteuren, die sich heute auf dem Pressetermin geäußert haben, nicht richtig zu funktionieren. Anders lässt sich nicht erklären, warum kurz vor dem Pressetermin mehrere Mitteilungen der Stadt mit Bilanzen zur Förderung von Kultur und Kreativwirtschaft in Dresden veröffentlicht wurden. Vieles davon wird sich in dem Kultur- und Kreativwirtschaftsbericht wiederfinden, den die Stadt im August vorlegen will. Grünen-Stadtrat Torsten Schulze, der den Auftritt der vielen Akteure auf dem Pressetermin heute verfolgt hat, fordert einen „Runden Tisch“ aus Vertretern der Verwaltung, von Vereinen und Initiativen sowie der Politik zum Umgang mit der prekären Raumsituation.

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