Mark Steinhart Shirley Sangster

Mark Steinhart auf den Spuren seines jüdischen Großvaters in Dresden

Mit Familiengeschichte hat sich Mark Steinhart bisher wenig beschäftigt. „Meine Eltern haben kaum über die Zeit in Deutschland gesprochen“, erzählt der 64-jährige Kanadier. Steinhart ist der Sohn eines jüdischen Emigranten aus Dresden. „Auch deutsch haben sie in Kanada nicht mehr gesprochen. Nur wenn sie sich stritten, sprachen sie deutsch, damit wir Kinder sie nicht verstehen.“

Stolpersteine

Neue Stolpersteine für die Familie Steinhart in der Laubestraße 24. Foto: C. Trache

Eine Einladung von Oberbürgermeisterin Helma Orosz an die Nachfahren Dresdner Juden weckte dann sein Interesse. Vom 11. bis 14. September hat Mark Steinhart Dresden besucht. Es wurde eine bewegende Reise für ihn und seine Frau Shirley.

Intensive Recherchen von Claus Dethleff vom Verein „Stolpersteine für Dresden“ haben die Aktion überhaupt erst ermöglicht. Ursprünglich hat sich Dethleff mit ehemaligen Juden im Stadtteil Laubegast beschäftigt. Dabei ist er auf Joseph Fränkel gestoßen, der an der Leubener Straße 2 ein Weißwarengeschäft führte. Dessen Frau Ida war Inhaberin des Kaufhaues Max Steinert, das sich in der Louisenstraße/Ecke Alaunstraße befand. Sie war die Schwester von Mark Steinharts Großvater. Anderthalb Jahre forschte Claus Dethleff zur Familie Steinhart, fand Angaben zu etwa 15 Familienmitgliedern, die in Dresden wohnten und eigene Geschäfte betrieben. Von Mark Steinharts Existenz erfuhr Claus Dethleff erst vor wenigen Wochen.

Jetzt, während einer Stadtrundfahrt, zeigte Claus Dethleff den Gästen aus Kanada die verschiedenen Wohn- und Geschäftsorte der großen Steinhart-Familie. Mark Steinhart und seine Frau nahmen auch an der Verlegung von Stolpersteinen für seine Familie auf der Laubestraße 24 teil. In der Laubestraße wuchs sein Vater Irwin (Erwin) mit seinem Bruder Gerald (Gerhart) und seiner Schwester Edith auf. 1939 gelang Irwin und Gerald die Flucht nach England. Später kamen sie in ein Flüchtlingscamp nach Montreal in Kanada. Den Brüdern gelang es nicht, ihre Schwester nachzuholen. Eltern und Schwester wurden im Januar 1942 zunächst in das Ghetto Riga deportiert. Während Bertha und Edith Steinhart im Konzentrationslager Riga-Strasdenhof ermordet wurden, wurde Max Steinhart im August 1944 zunächst ins KZ Dachau und im Oktober 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Seit diesem Zeitpunkt gilt er als verschollen.

Mark Steinhart

Die Gedenktafel am Bahnhof Neustadt: Der Güterbahnhof war Ausgangspunkt und Zwischenstation bei der Deportation von Juden durch die Nationalsozialisten. Foto: C. Trache

Den Ausführungen von Claus Dethleff folgten Mark Steinhart und seine Frau mit großem Interesse. „Diese Straße hier, auf der ich nun stehe, ist mein Großvater wahrscheinlich entlang gegangen auf dem Weg von seiner Wohnung in sein Geschäft“, sagte Mark Steinhart an der Ecke Wittenberger Straße/Tittmannstraße. An dieser Stelle, wo sich heute ein Kindergarten befindet, stand das Geschäft von Max Steinhardt für Haus- und Küchengeräte, Galanterie- und Spielwaren.

Steinhart und seine Frau sind nicht mit leeren Händen nach Dresden gekommen. In ihrem Gepäck hatten sie verschiedene Dokumente, Fotos und auch ein Tagebuch von seinem Vater, indem er 1940 rückblickend die Ereignisse von 1933 bis 1940 festgehalten hat. Marks Mutter hat all diese Dokumente ihrer Schwiegertochter Shirley anvertraut. Sie hat ihren Mann erst darin bestärkt, die Reise nach Dresden zu unternehmen. „Wir wussten lange gar nichts mit diesen Sachen anzufangen. Es ist ja alles auf Deutsch“, erinnert sich Shirley. Doch nun bekommen die Fotos vom Geschäft des Großvaters eine ganz neue Bedeutung. Nun kennen sie den Ort, wo das Gebäude einst stand. Ihre ganz persönliche Stadtrundfahrt führte sie weiter in die Dresdner Neustadt, zum Standort des ehemaligen Kaufhauses Max Steinhart. An dieser Stelle steht heute ein neues Gebäude mit einem mexikanischen Restaurant. Ein paar Hausnummern weiter auf der Louisenstraße/Ecke Kamenzer Straße standen Mark und Shirley vor dem Haus, wo früher sein Großcousin Alfred Steinhart ein Haushaltwarengeschäft führte.

Doch neben Geschäfts- und Wohnadressen lernten die kanadischen Gäste auch den Standort des ehemaligen Judenlagers Hellerberg kennen, eine Zwischenstation, ehe die Verwandten im März 1943 nach Auschwitz deportiert wurden. An einer Bushaltestelle an der Radeburger Straße (St. Pauli-Friedhof) ist ein Denkzeichen angebracht, das Informationen zum sogenannten Judenlager enthält, ebenso einen Lageplan des Lagers. Vor den ehemaligen Goehlewerken der Zeiss Ikon AG auf der Großenhainer Straße erfuhren sie von Claus Dethleff einiges über die Zwangsarbeit, die die Juden leisten mussten.

Steinhart Dethleff

Immer wieder liest Claus Dethleff unterwegs aus seinen Rechercheunterlagen vor. Foto: C. Trache

Die Tage in Dresden waren geprägt von intensiven Gesprächen und Eindrücken. So lernte das Ehepaar aus Kanada Menschen aus Israel und den USA kennen, die über ähnliche Geschichten ihrer Vorfahren berichteten. Die Besucher nahmen am Shabat-Gottesdienst in der Jüdischen Gemeinde teil und besuchten den neuen Jüdischen Friedhof, wo einige von ihnen die Gräber ihrer Vorfahren fanden. Für Mark Steinhart und Shirley Sangster wird es nicht der letzte Besuch in Dresden gewesen sein. Sie wollen wiederkommen, sagen sie.

Claus Dethleff plant nun gemeinsam mit André Biakowski, Autor des Buches „Obiad – Mehr als nur Mittagessen. Mein Jahr in Polen mit Überlebenden des Holocaust“, das Leben der Dresdner Familie Steinhart aufzuschreiben.

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