Leise quietscht das weiße Eingangstor in den Angeln. In einem sachlichen Gewerbehof steht Yvonne Ellger im Eingang ihrer Holzwerkstatt und lächelt, als sie bemerkt, dass jemand eingetreten ist. Vor der Tür liegen grob zugesägte Holzblöcke, noch unbehandelt, wartend darauf, ins Innere getragen zu werden. Dort nimmt Ellger sich des Materials an, arbeitet Strukturen heraus und verleiht ihm Form, Ausdruck und künstlerische Tiefe. 
Holz, Tee und Authentizität
Drinnen liegt ein warmer Duft von Holz und frischem Melissentee in der Luft. Auf schweren Werkbänken aus Metall und Holz ruht eine Bleistiftskizze: eine Grabstele, über die sich Schwalben erheben, leicht und in Bewegung, als würden sie sich gerade in den Wind heben. Auf dem Boden verstreut liegen grobe Späne – Spuren der Arbeit, die Ellger mit kräftigen Schnitzeisen aus dem Material herausgelöst hat. Die Werkzeuge selbst hängen ordentlich sortiert an einer Seite der Werkstatt, jederzeit griffbereit.
Von der Akkordarbeit in die Selbstständigkeit
Yvonne Ellger ist Holzbildhauerin und seit 2002 selbstständig. Ausgebildet wurde sie an der Schnitzschule in Oberammergau. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zunächst ein Jahr lang im Erzgebirge, wo sie in einem kleinen Familienbetrieb Pyramidenfiguren schnitzte – im Akkord. „Ich wollte selbst kreativ sein“, sagt sie rückblickend. „Meine Berufung hat mich dann gefunden.“ Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren gestaltet sie nun vor allem Grabmale, ergänzt durch vereinzelte Holz- und Steinskulpturen.

Gemeinsam Erinnerungen sichtbar machen
„Meine Gäste kommen in besonderen Lebenssituationen zu mir“, erzählt Ellger, die zusätzlich als Trauerbegleiterin ausgebildet ist. In den Gesprächen versucht sie herauszuhören, welche Bilder entstehen, wenn Angehörige von einem verstorbenen Menschen erzählen. Manchmal genügt ein einziges Treffen, um Material, Form und Gestaltung zu bestimmen. Häufig jedoch entwickelt sich der Entstehungsprozess zu einem gemeinsamen Weg, den sie zusammen mit den Hinterbliebenen geht. Immer wieder ist Ellger berührt von den Lebensgeschichten, die ihr anvertraut werden. „Ich sehe es als meinen Auftrag, ein würdiges, sichtbares Andenken zu schaffen“, sagt sie. 
Kontakt zum Tischler aus Übigau
Jede Holzstele erhält ein fein gearbeitetes Kupferdach, das die empfindlichen Schnittflächen vor Regen und Schnee schützt. Montiert wird sie mit etwas Abstand zur Verankerung, sodass Luft zirkulieren kann und das Material nicht dauerhaft der Feuchtigkeit ausgesetzt ist. Ellger ist auf ausgewählten Friedhöfen gelistet; Angehörige erhalten dort ihre Kontaktdaten für individuelle Anfertigungen. Das Holz selbst bezieht sie meist von einem befreundeten Tischler: Jan Beyer von der Tischlerei Artefact in Dresden-Übigau (Pieschen-Aktuell berichtete). Er lagert das Material und bereitet die gewünschten Rohformen passgenau vor. 
Sandstein statt Holz
Einmal im Jahr legt Ellger eine bewusste „Holzpause“ ein. Dann wendet sie sich einem anderen Material zu: Sandstein. „Ich achte darauf, dass meine Kreativität nicht versiegt“, sagt sie. Für eine Weile löst sie sich von ihrem Alltag, arbeitet mit dem Stein, denkt anders, arbeitet anders – und schafft sich so den Freiraum, den Kopf wieder klar zu bekommen. 
Yvonne Ellger – Freiberufliche Holzbildhauerin
- Hubertusstraße 13-15, 01129 Dresden
- Termine nach Absprache
- yvonne-ellger.de
Serie: Kleine Unternehmen im Stadtbezirk Pieschen
Jeden Dienstag in Pieschen-Aktuell: Ein Porträt eines kleinen Unternehmens aus dem Stadtbezirk. Wir zeigen die Vielfalt im Stadtviertel, von Übigau bis Trachau, von Kaditz bis nach Trachenberg. Wenn Sie auch einen kleinen Laden oder ein kleines Unternehmen in Ihrer Nachbarschaft kennen, das wir vorstellen sollen, schreiben Sie uns an redaktion@pieschen-aktuell.de.
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