Thema: Meine Corona Geschichte

„Wir haben uns die ganze Zeit heimlich getroffen“ – erzählt von Marion Nitzsche

Anfang 2020 habe ich zufällig im Fernsehen etwas über Corona gesehen. So habe ich zum ersten Mal davon erfahren. Aber Angst hatte ich damals nicht. Ich dachte, ich lasse das mal mich zukommen. Man darf nämlich auch nicht alles glauben, was im Fernsehen gesagt wird.

Vor vier Jahren ist ganz plötzlich mein Mann gestorben. Danach musste ich das Leben allein meistern. Das war eine große Umstellung, aber ich habe es geschafft. Da schaffe ich das mit Corona jetzt auch. Nur auf den Friedhof zu fahren, dass schaffe ich bis heute nicht.

Es ist nicht meine Art, mich verrückt zu machen. Als es losging habe ich zwei große Pakete Toilettenpapier gekauft. Ansonsten hat mir nie etwas gefehlt. Nur langsam müsste ich mir mal neue Kleidung kaufen. Weil ich keinen Computer und kein Internet habe, kann ich online nichts bestellen.

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Gogol Bordello am 16. Juli im Alten Schlachthof


Ein großes Problem war, als mein Telefon kaputt ging. Weil ich krank bin, muss ich für den Notfall immer ein Handy bei mir haben. Das Handy war mir auch wichtig, weil es noch von meinem Mann war. „Mausi“, hat er immer gesagt, „nimm das Telefon mit, falls unterwegs was passiert.“ Nach langem Suchen habe ich einen Laden gefunden, der mir eins verkauft. Mit Augen zudrücken.

Unsere Hausgemeinschaft ist mein Freundeskreis. Wir haben uns die ganze Zeit heimlich im Garten getroffen und gemeinsam Kaffee getrunken. Dabei wurden die Stühle einfach auseinander gerückt. Diese Treffen waren für uns wichtig. Es hatte ja alles geschlossen. Und miteinander quatschen muss man einfach. Ansonsten hat sich in meinem Leben gar nicht so viel geändert. Außer, dass ich nun oft einen Mundschutz tragen muss.

Gern würde ich mir eine neue Küche kaufen, wenn es mit den Finanzen passt und das Einkaufen wieder erlaubt ist. Dann würden wird die Küche auf gleich mit vorrichten.

Wegen eines Tumors musst ich ins Krankenhaus. Dort bin ich getestet worden. Negativ!

Trotz Corona habe ich im vergangenen Jahr meine Suche nach neuer Arbeit fortgesetzt. Und auch einen Job gefunden. Aber damit hatte ich Pech. Meine Ärztin hatte meinen Medikamentenplan falsch eingestellt. Mit ging es total schlecht und ich konnte nicht so schnell arbeiten, wie erforderlich. Mit der Chefin konnte man darüber nicht reden. Sie hat mich nicht verstanden und hat mir nicht geglaubt. Sie hat immer gesagt: „Sie arbeiten doch nicht nach Medikamentenplan.“ Das hab ich nicht verstanden. Dann sind mir wegen der falschen Medikamente auch noch die Haare ausgefallen. Trotzdem hat meine Chefin mir nicht geglaubt und hat mich entlassen. Das war schlimm. Aber egal, das ist jetzt vorbei. Mein größter Wunsch ist meine Gesundheit. Ich muss immer so viele Tabletten nehmen. Dass weniger notwendig wären, das wäre schön.

Diese Corona-Geschichte hat Marion Nitzsche (59) erzählt. Aufgeschrieben hat sie Maxi Luise Kabella.

AUFRUF: IHRE CORONA-GESCHICHTEN

Angaben über die Zahl der am Covid-19-Virus erkrankten und verstorbenen Einwohnerinnen und Einwohner in Stadtbezirk Pieschen werden nicht erhoben. Die Statistik liefert nur stadtweite Daten.

Wir möchten statt dessen gern Ihre Geschichten und Erlebnisse aus dem vergangenen Jahr und den kommenden Monaten hier veröffentlichen. Was hat Sie beschäftigt, woran sind Sie verzweifelt, was hat Ihnen Mut gemacht, was hätten Sie anders gemacht? Homeoffice, E-Learning, Corona-Einmalhilfen, Mundschutz, Notbetreuung, Systemrelevanz, Intensivstation, Isolation, Quarantäne und viele weitere Stichworte haben das Leben anders werden lassen.

Schreiben Sie Ihre kurze oder längere Geschichte auf und schicken sie diese an redaktion[at]pieschen-aktuell.de. Teilen Sie uns eine Mail-Adresse oder Telefonnummer mit, falls es Rückfragen gibt. Gern können Sie auch ein Foto mitschicken – samt Autorenangabe.

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