Seit Monaten ohne soziale Kontakte – Bildschirm und Smartphone sind kein Ersatz

„Fast jedes dritte Kind leidet ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste haben noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden sind verstärkt zu beobachten.“ Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die Anfang Februar vorgestellt wurde. Über ähnliche Erfahrungen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen können auch die Streetworker:innen und Schulsozialarbeiter:innen in Pieschen berichten.

„Die sozialen Kontakte fehlen schon seit Monaten“, konstatiert Streetworker Gerald Schade und fügt hinzu. „Zur Entwicklung von Jugendlichen gehört aber, dass sie sich mit Gleichaltrigen austauschen können, Beziehungen aufbauen und durch direkte Begegnungen ihre Grenzen ausloten.“ Direkte Begegnungen in Schulen sind derzeit nicht möglich. Jugendhäuser sind geschlossen. Die Sportvereine dürfen kein Training anbieten. Reguläre Treffmöglichkeiten für Jugendliche im öffentlichen Raum gibt es ohnehin kaum, zählt Schade auf. Da sei es wichtig, dass Angebote aus der mobilen Jugendarbeit und Schulsozialarbeit trotz der starken Kontaktbeschränkungen erlaubt sind.

Einsamkeit ist ein wichtiges Thema

Gerald Schade, Thea Neumann, Thomas Thiele und Julia Noack von der mobilen Jugendarbeit Pieschen sind an drei bis vier Tagen in der Woche im Stadtbezirk Pieschen unterwegs. Montags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 16 bis 18 Uhr bieten sie momentan zudem 13- bis 27-Jährigen Einzelberatungsgespräche an – unter Einhaltung der geltenden Hygieneregeln. „Die Jugendlichen können sich mit allen Themen und Anliegen, aber auch mit Ideen an uns wenden“, sagt Streetworker Thomas Thiele. „Wer einfach jemanden zum Zuhören braucht, ist hier genauso richtig, wie bei Fragen zum Schreiben einer Bewerbung oder zur Unterstützung beim Stellen von Anträgen.“ Nur zu Behörden darf das Streetworkteam die Jugendlichen derzeit nicht begleiten. „Gute Erfahrungen in der Kommunikation mit dem Jobcenter habe ich bei den Weiterbewilligungsanträgen für das ALG II gemacht. Diese wurden per E-Mail schnell bearbeitet“, lobt Gerald Schade.

Hinter den Masken: Thomas Thiele, Thea Neumann und Gerald Schade (r.) vom Streetworker-Team. Foto: C. Trache

„Einsamkeit ist ein wichtiges Thema bei den Jugendlichen“, beschreibt Streetworkerin Thea Neumann eine Beobachtung aus ihren Gesprächen. „Den jungen Leuten reicht es nicht, nur zu chatten, sich zu schreiben oder sich auf dem Bildschirm zu sehen.“ Hinzu komme, dass sich familiäre Problemlagen während der Pandemie verschärfen können, wenn alle Familienmitglieder zu Hause sein müssen durch Homeoffice und Homeschooling, Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit.

Mit dem Homeschooling kommen die Jugendlichen unterschiedlich gut zurecht. Das eigenständige Organisieren des Tagesablaufs stellt bei manchen Mädchen und Jungen eine große Hürde dar. Das Fehlen von technischen Voraussetzungen würde die Situation dann noch weiter verschärfen. Überforderung, das Gefühl zu Scheitern und Frustration sind dann die Folge. Es sind besondere Umstände. Vor diesem Hintergrund wünschen sich die Streetworker:innen darum mehr Verständnis für junge Menschen, wenn sie sich trotz coronabedingter Kontaktbeschränkungen treffen.

Keinem Schüler geht es jetzt besser

Thomas Prager ist seit 2008 als Schulsozialarbeiter an der Oberschule Pieschen tätig. Schulsozialarbeiterin Sabine Kraut ist seit 2016 dabei. Sie sind das Bindeglied zwischen Jugendhilfe und Schule. Gemeinsam begleiten sie die Schülerinnen und Schüler bei der Entwicklung von Sozialkompetenzen, wie Team- und Konfliktfähigkeit, begleiten Drogenprojekte und sind in der geschlechterspezifischen Jungen- und Mädchenarbeit tätig. Einzelgespräche mit den Heranwachsenden, Lehrkräften und Eltern gehören ebenso dazu, wie die Gruppenarbeit. Hinzu kommt eine umfangreiche Kooperation bei den Angeboten zur Freizeitpädagogik oder im Projekt „The8er“, das seit 2012 mit allen Jugendlichen der achten Klassen durchgeführt wird.

Die Oberschule Pieschen, Robert-Matzke-Straße 14, wurde 1890 eröffnet. Foto K. Brendler

„Mit dem ersten Lockdown mussten wir unsere Arbeit komplett umstellen“, erzählt Thomas Prager. „Wir haben einen Online-Betrieb aufgebaut, der aber kein Ersatz für direkte Kontakte und Gespräche ist. Ich kenne keinen Schüler, dem es jetzt besser ginge. Sozialkompetenzen kann man nur gemeinsam erlernen.“ Die Zeit im Lockdown haben sie mit den Schülerinnen und Schülern in Gruppengesprächen aufgearbeitet. „Wir wollten mehr darüber zu erfahren, wie sie die Zeit des Homeschooling erlebt haben“. sagt er. Die fehlende Tagesstruktur habe sich vielfach negativ auf Stimmung und Antrieb ausgewirkt. In Einzelfällen sie es zur Entwicklung von Suchtverhalten, zum Beispiel von Spielsucht, gekommen. Die Ergebnisse aus dieser kleinen Erhebung kommen jetzt der Schulsozialarbeit im zweiten Lockdown zugute.

Sabine Kraut steht in engem Kontakt mit den Klassenlehrer:innen und erfährt so, mit welchen Schüler:innen der Kontakt schwierig ist, wer kaum Rückmeldungen zu den gestellten Aufgaben gibt. Dann werde das direkte Gespräch gesucht, um zu erfahren, wie es ihnen geht und welche Unterstützung sie benötigen. „Oft sind es Probleme im Umgang mit der Plattform Lernsax“, erzählt Sabine Kraut. „Die Meisten waren sehr dankbar und erleichtert über meinen Anruf.“

Die Schule hatte inzwischen Laptops angeschafft, um bei fehlender Technik aushelfen zu können. „Der Lernerfolg hängt auch davon ab, inwieweit die Schüler:innen beim Lernen von Eltern oder Freunden unterstützt werden können“, betont Sabine Kraut. „Die Pandemie wirkt da wie ein Brennglas. Die Bildungsungerechtigkeit vergrößert sich in so einer Phase.“

Im zweiten Lockdown hat Sabine Kraut eine Online-Hofpause eingerichtet: „Zweimal pro Woche treffen wir uns klassenübergreifend in einem Online-Raum zum Reden und Spielen. Auch Fasching haben wir gemeinsam online gefeiert.“

Warten auf die Rückkehr zur Normalität

Hier ist das Streetworker-Team der mobilen Jugendarbeit zu finden. Foto: C. Trache

Neben Einzelberatungen per Videochat, Telefon oder Instagram nehmen die Schulsozialarbeiter:innen über Lernsax auch an Videomeetings der Klassen teil. Mit zusätzlichen Unterstützungsangeboten, wie das Erklären von Lernsax und das Ausdrucken von Aufgaben versuchen sie zu verhindern, dass Kinder den Anschluss verlieren und sich immer mehr von der Schule distanzieren. „Wie gut uns das gelungen ist, wird sich zeigen, sobald wieder für alle Klassen regulärer Präsenzunterricht ist“, sagt Sabine Kraut. „Aus jüngeren Klassenstufen haben wir bereits Sorgen vernommen, ob sie wieder in den Unterricht reinkommen werden. Oft haben die Schüler das Gefühl, die Fülle der gestellten Aufgaben nicht zu schaffen.“

Thomas Prager und Sabine Kraut sehnen die Zeit herbei, in der sie wieder mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsame Aktivitäten wie Ausflüge oder Theaterproben gestalten können. Ähnlich geht es auch dem Streetworkteam der mobilen Jugendarbeit Pieschen: Auch fiebert man der Zeit entgegen, in der wieder Grillabende, Gruppenausflüge oder gemeinsamer Sport möglich sind. „Bis dahin“, so betont das Team, „sind wir trotz aller Einschränkungen eine Anlaufstelle für die Jugendlichen und haben ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte, aber auch für ihre Ideen“.

Kontakte:

Mobile Jugendarbeit Pieschen:

Schulsozialarbeit an der Oberschule Pieschen:

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