Das Türrollo ist unten. Eine Erinnerung an Lolita Kliemann

„So lange mein Türrollo im Geschäft oben ist, kann geklopft oder geklingelt oder angerufen werden. Ich versuche allen zu helfen.“ Das ist Lolita Kliemann. So kennen sie viele. Kunden, Sankt-Pieschen-Aktivisten, Nachbarn, Freunde. In der Vergangenheit über sie zu schreiben, will jetzt nicht gelingen. Vor wenigen Wochen haben wir noch darüber gesprochen, wie es wird, wenn sie in den Ruhestand geht. Das soll jetzt alles nicht mehr wahr werden?

„Unsere gute Seele und liebe Freundin Lolita Kliemann ist von uns gegangen. Wir sind bestürzt und in Trauer. Uns fehlen die Worte“, schreiben ihre Freunde vom Verein sankt pieschen.

Mit einem Beitrag aus dem August 2016 wollen wir hier an Lolita Kliemann erinnern.

Ein Pieschener Urgestein

„Die Oschatzer Straße war einst die Einkaufsstraße von Pieschen. Doch mit den Jahren wurde es leerer und ruhiger auf dem Pflaster. Viele Geschäfte kamen. Viele gingen wieder. Doch den Werkzeugladen von damals gibt es immer noch. 1945 von Friedrich Köpping eröffnet, gehört er zu den Urgesteinen der Oschatzer. Seit 2007 ist Lolita Kliemann Chefin in dem Geschäft, das sich gleich am Anfang der Oschatzer Straße befindet, wenn man von der Leipziger Straße abbiegt.

Als studierte Maschinenbauerin und Ingenieurin ist Lolita Kliemann Profi, wenn es um’s Schrauben und Dübeln geht. Bis heute schmeißt sie ihren Laden alleine. Dass sie das (als Frau) hin bekommt, haben ihr anfangs nicht alle zugetraut. „Ich musste viel Kritik einstecken“, erzählt sie. „Doch mit der Zeit haben die Leute gemerkt, dass ich Ahnung habe vom Metier.“ Und so versucht sie, jedem Kundenwunsch nachzukommen. Das sei es, was ihren Werkzeugladen von den großen Discountern unterscheidet. Anstatt sich – wie im Baumarkt – nach einer Schraube dumm und dämlich zu suchen, kann man bei der Ingenieurin auf prompte Beratung zählen.

Für das Stadtteilfest brannte ihr Herz. Foto: Archiv

Trotzdem sind die Kunden mit der Zeit weniger geworden. Aufgeben, wie die anderen Ladenbesitzer, will Kliemann jedoch nicht. „Ich werde so lange bleiben, wie es nur geht.“ Den Großteil ihres Geschäfts machen Stammkunden aus, die seit Jahren zu Kliemann kommen. Ab und an schauen aber auch neu Hinzugezogene vorbei. Da muss sie nicht selten schmunzeln. „Die jungen Leute können heute alles googeln. Das kriegen sie hin. Aber wenn es dann an die Umsetzung geht, hapert es meist“, erzählt Kliemann. Dann hilft sie ihnen, wenn es darum geht, die erste eigene Wohnung oder das neue WG-Zimmer einzurichten.

Nicht nur in ihrem Laden nimmt Lolita Kliemann die Dinge gern selbst in die Hand. Auch beim alljährlichen Stadtteilfest Sankt Pieschen gehört sie zu den Machern. Seit 2012 ist sie nun Vereinsmitglied von Sankt Pieschen und stellt das Stadtteilfest mit auf die Beine. Unterstützt wird sie dabei von Andreas Koenitz, der keine zwei Straßen weiter seinen Auto- und Reifenservice führt. Im November gehen die Vorbereitungen wieder los. Dann ruft Kliemann die ersten Händler an, die beim Stadtteilfest dabei sein sollen. Doch bis dahin kümmert sie sich. wie gehabt. um ihren Laden und ihre Kunden.“

 

      16 Meinungen zu “Das Türrollo ist unten. Eine Erinnerung an Lolita Kliemann

      1. Mikesagt:

        Ich hab ihr vor zwei Jahren mal gesagt, ich hätte Angst davor, dass sie mal zumacht und in Rente geht. Darauf erwiderte sie ganz entrüstet: Ich mache nie zu! Nun hat sie also Wort gehalten. Eine tolle Frau in einem traditionsreichen Geschäft in einer traditionsreichen Einkaufsstrasse, die sich einfach geweigert hat, sich unterkriegen zu lassen!

      2. Filburtsagt:

        R.I.P. 🙁

        Danke für alles, was Du für Pieschen (und meine Wohnung) getan hast!

      3. Jörgsagt:

        Sehr sehr Schade denn nun gibt es den kleinen Laden, mit der markanten Fassade den meine Frau so sehr mag nicht mehr. Und das gute daran war , man musste nicht erst wegen 10 Schrauben und Häkchen zum Hornbach fahren .Damit verschwindet ( warscheinlich) wieder ein Gesicht dieser leider leblosen Einkaufstrasse die viel mehr verdient hätte .

      4. Roxysagt:

        R.I.P.
        Ich werd sie sehr vermissen, ich wohn seit 15 Jahren gegenüber und war oft bei ihr drin. Sie bleibt unvergessen für de Oschi. Bin sehr traurig…

      5. Wir sind in tiefster Trauer und unsere Gedanken sind bei Ihren Angehörigen. Lolita war für uns immer eine hilfsbereite und gutmütige Geschäftspartnerin. Alles was ich in meinem Geschäft nicht hatte konnte Sie mir verschaffen.
        Die gesamte Belegschaft des Werzeufachhandels Paufler wünscht Ihr eine friedliche letzte Reise.

      6. Rainer Witzsagt:

        Eine sehr traurige Nachricht. Sie war immer mit kompetentem Rat zur Stelle, wenn man mal eine Spezialfrage hatte. Auch wenn man keine Lust hatte sich wegen 3 Schrauben dem Großmarktstreß auszusetzen war ihr Geschäft der perfekte Ort für schnelle Hilfe und das alles zu erstaunlich günstigen Preisen.
        Da schon länger wohl erfolglos ein Nachfolger(in) gesucht wurde, wird die Straße noch lebloser, auch der Bogenladen ist ja nun weg.
        Allen Angehörigen viel Kraft in dieser dunklen Stunde.

      7. Ich habe sie auch sehr gemocht. Immer, wenn in der Kreativen ein paar Nägel oder ein Sägeblatt fehlten, war es ein kurzer Weg in die Oschatzer. Und immer gab es ein nettes Gespräch oder Fachsimpelei zu Technik, Kunst oder Leben. Hatte mich schon gefreut, wenn die Läden wieder aufmachen. Alles Gute, starke Frau

      8. Dresdner Gartenbanksagt:

        Oje, was für ein Verlust für Pieschen. Mein Briefkastenschloss und manches Werkzeug ist aus ihrem Laden. Und an Schrauben hatte sie auch die ausgefallensten Modelle, da konnte mancher Baumarkt nicht mithalten. Und der Weg zu ihr war auch kürzer…
        Ruhe sanft, Lolita Kliemann!

      9. Anja Osiandersagt:

        Liebe Lolita!
        Dieser Abschied schmerzt.
        Die Ladenklingel. Das Gespräch über die Theke. Immer mit einem leisen Lächeln und mit Freude über das Wiedersehen. Die Wand voller Schatzkistlein, aus denen die erstaunlichsten praktischen Dinge hervorgeholt wurden.
        Hier war ich nicht nur Kundin. Hier trafen sich Nachbarinnen, aus Anlaß eines Werkzeugkaufs, und die Bindung blieb, auch nach dem Verlassen des Ladens.
        Ich würde mich freuen, wenn wir als Nachbarschaft ein Fest für Lolita veranstalten würden. Muß nicht jetzt sein, gerne im Sommer, ohne ungebetene Virenbesucher.
        Ich würde mich freuen, wenn das Ladengeschäft in Lolitas Sinne weitergeführt werden könnte. Darüber als Nachbarschaft gemeinsam nachzudenken, ist auch eine Würdigung für sie.
        Friede sei mit Dir, Lolita!

      10. Mein herzliches Beileid an die Familie. Ich war auch sehr traurig, als ich die Nachricht hörte. Eine gute Seele fehlt nun für immer auf unserer Oschi und in Pieschen.

      11. Michael Fehrmannsagt:

        Mein Herzliches Beileid an die Familie, sie war immer da und hat viele Dinge möglich gemacht und auch gern zu einem Gespräch über die Dinge des Lebens zu haben. Lolita Ruhe in Frieden 🕊 Pieschen wird dich vermissen.

      12. Schweesdo Oniesagt:

        Das ist so traurig! Vielen Dank an Frau Kliemann, auch wenn er zu spät kommt. Sie wird Pieschen fehlen, in mehr als einer Hinsicht.

      13. Frau A.sagt:

        Lolita ist nicht mehr da????
        Was für ein Verlust.
        Der Weg durch die Oschatzer Straße wird von nun an schmerzlich sein.
        Ich hoffe sehr, ihr Geschäft wird in ihrem und damit in unserem Sinne weitergeführt.
        Was war sie für eine Perle!!!!

      14. Miro B.sagt:

        Das tut weh. Habe zuerst bei Herrn Hielscher eingekauft, lernte dann die neue Inhaberin kennen. War zuerst skeptisch, aber sie hatte es voll drauf. Das tut mir so leid, sie war eine Kämpferin. Sie wird fehlen!

      15. GLsagt:

        Sie war eine wirklich freundliche und kompetente Frau. Sie gehörte zur Oschatzer einfach dazu. Sehr traurig, dass sie nicht mehr da ist.

      16. Michael M.sagt:

        Ein großer Verlust für ganz Pieschen.
        Menschen wie sie geben einer Stadt Nähe und Vertrautheit. Der „Laden um die Ecke“ ist ein Symbol für das Miteinander in einer sonst anonymer Großstadt.
        Vielen Dank für Dein Engagement.

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