Stephanie Oppitz produziert in ihren Manufkaturen Stoffwindeln und Damenhygieneartikel

In Stoff gewickelt – Die WindelManufaktur

Stephanie Oppitz vertreibt mit ihrer Manufaktur erfolgreich ein Produkt, von dem alle annahmen, es sei gut, dass „diese Zeiten endlich vorüber sind“: Die Stoffwindel. Mit Ehrgeiz und Geschäftssinn setzt sie sich für ihre umwelt- und hautfreundlichen Hygieneartikel ein. Und kämpft gegen Vorurteile an.

Aus der Neustadt ist die WindelManufaktur vergangenen November an die Großenhainer Straße gezogen. Grund: Platzmangel. Mittlerweile sind es 17 Mitarbeiter, die bunt gemusterte Stoffe zuschneiden, zu Windelhöschen, Einlagen, Waschlappen, aber auch Feucht- und Taschentüchern, Beuteln und Stilleinladen nähen. In großen Boxen stapeln sich die fertigen Produkte, die deutschlandweit versendet werden. Das Dresdner Stoffwindel-Konzept auf Erfolgskurs.

Ein Vorzug der Stoffwindeln ist ihre Ansehnlichkeit

Ein Vorzug der Stoffwindeln ist ihre Ansehnlichkeit.

„Die Hälfte meiner Arbeit ist Aufklärung“, sagt Stephanie Oppitz. Sie streift das lange Haar zurück und fokussiert sich. Eben noch hatte sie den internen Fototermin im Auge, zwischendurch begrüßt sie eine Frau mit einem Baby auf dem Arm: „Ich habe noch Klamotten für dich!“. In das Arbeitszimmer, eines von sieben, lugt immer wieder ein Kopf herein. Es wuselt in der WindelManufaktur – die Nachfrage steigt. Stephanie Oppitz geht es ums Ganze: Sie achtet auf die ökologische Herkunft ihrer Stoffe, ihr Host nutzt Biostrom, sie hat eine Community begründet, die in regem Austausch steht.

Über Keime und Tabus

Vor der Erfindung der Wegwerfwindel im Jahr 1961 waren Stoffwindeln Usus. Die Wegwerfwindel wurde schließlich von Procter und Gamble als saubere und praktische Alternative etabliert. Stoffwindeln kämpfen seither mit dem Nimbus des Unhygienischen. Ein Vorurteil, das Stephanie Oppitz beharrlich bemüht ist abzubauen. Oft genug gewechselt und heiß genug gewaschen, erklärt sie, sind mehrfach verwendbare Windeln ebenso keimfrei wie jede korrekt gewaschene Wäsche. Denn ab 60 Grad Celsius sterben Keime nun einmal – ob in Windel oder Tennissocke.

Die dreifache Mutter entwickelte ihr Windel-System mit der Unterstützung ihres Mannes, nachdem ein Familienurlaub offenbart hatte, wie viel Abfall durch das tägliche Wickeln dreier Kinder entsteht. Stephanie Oppitz begann zu tüfteln. Ihr System besteht aus einer Außenwindel, einer Innenwindel und waschbaren Saugeinladen in beliebiger Stärke und Qualität. Zusammen hält das Ganze mit Druckknöpfen. Für die benutzten Einlagen entwickelte Oppitz einen atmungsaktiven Beutel, den Wetbag. Von dort aus kommen sie in die Waschmaschine – sinnigerweise mit einem ökologischen Waschmittel.

Oppitz‘ tägliche Aufgabe ist das Ent-Tabuisieren des Themas Ausscheidungen. In gängigen Werbeclips großer Unternehmen wird blaue Flüssigkeit auf saugfähige Unterlagen geträufelt. Kot, Urin und auch Menstruationsblut sind Körperprodukte, auf die mit Scham reagiert wird, als gehörten sie nicht zum menschlichen Stoffwechsel dazu. Essen wird zelebriert, ausscheiden stigmatisiert. Es gilt, möglichst Abstand zu halten – bildlich wie inhaltlich. Ekel distanziert und schafft damit auch Informationslücken.

Hygieneverständnis wie der Sonnenkönig

„Bei einem Säugling, der sich ja noch nicht konkret äußern kann, ist es wichtig, Stuhl und Urin zu überprüfen, um sich seiner Gesundheit sicher zu sein“, sagt Stephanie Oppitz. In Wegwerfwindeln absorbiert ein Saugkörper aus Zellstoff, gefüllt mit Polymersalzen, den Urin. Über viele Stunden – so das Versprechen. Die vermeintliche Hygiene geht vor Sinnhaftigkeit. Es ist vergleichbar mit den 72-Stunden-Deodorants: Der versprochene Geruchsschutz legt nahe, dass man 72 Stunden auf Waschen verzichten kann. Ein sonnenkönigliches Hygieneverständnis …

Die Produkte der Windelmanufaktur werden von 17 MitarbeiterInnen handgefertigt

Die Produkte der Windelmanufaktur werden von 17 MitarbeiterInnen handgefertigt.

Oppitz ist überzeugt, dass Kinder und Eltern bei wiederverwendbaren Windeln besser zusammenarbeiten und früher auf Windeln verzichten können. „Natürlich muss man vorsichtig mit solchen Thesen sein, denn es gibt dazu noch keine Studien“, räumt sie ein. Jedoch gebe es Wegwerfwindeln bis zum sechsten Lebensjahr. Ihre Kundschaft benötige ihre Produkte aber maximal bis zum dritten.“Ein Kind hat unterschiedliche Phasen, in denen es mal mehr, mal weniger anzeigt, dass es mal muss. Bei Stoffwindeln ist die Aufmerksamkeit der Eltern eher darauf gelenkt“, schildert sie ihre Erfahrungen.

Onlinerechner für Stoffwindel-Kosten

Bei ihren eigenen Kindern stellte sie fest, dass Stoffwindeln im Gegensatz zu ihren chemisch imprägnierten Geschwistern weniger Hautreizungen auslösen. „Zu uns kommen besonders Eltern, deren Kinder an Neurodermitis oder Allergien leiden“, sagt sie. Zu den gesundheitlichen und ökologischen Faktoren komme noch die Kostenersparnis, argumentiert Oppitz. Der Preis für ein Basis-Paket liegt in der Windelmanufaktur bei knapp 320 Euro – Kosten, die sich „amortisieren“, sagt Stephanie Oppitz. Spätestens nach einem Jahr. Ihr Mann hat einen Rechner für die Internetseite entwickelt, mit dem die Kosten individuell kalkuliert werden können.

Seit November auf der Großenhainer Straße 32: Die WindelManufaktur

Seit November auf der Großenhainer Straße 32: Die WindelManufaktur

Ausgehend von den Stoffwindeln und dem Zubehör, hat Stephanie Oppitz ihr Geschäft weiter entwickelt. Mit ihrer Schwestermarke „Von Ocker und Rot“ produziert sie Damen-Hygieneartikel wie Slipeinlagen und Binden – ohne Bleichungsmittel, Chemikalien und Parfüms. Verwunderlich ist in Anbetracht von Stephanie Oppitz Arbeit eigentlich nur, mit welcher Selbstverständlichkeit Schadstoffe in Berührung mit den sensibelsten Bereichen des Menschen kommen. Warum ist es gängiger, Wegwerfprodukte zu benutzen als wiederzuverwenden? Möglicherweise ist es Bequemlichkeit. Oder Scheu. Oder vieles. Stephanie Oppitz jedenfalls beweist, dass es anders geht.

WindelManufaktur / Von Ocker und Rot
www.windelmanufaktur.com / www.vonockerundrot.com

2 Meinungen zu “In Stoff gewickelt – Die WindelManufaktur

  1. eine richtig gute Idee. in die Überlegungen zur Hygiene passen auch meine Gedanken zum Thema Wegwerftaschentücher. ich benütze noch immer die Stofftücher und möchte gar nicht wissen, wie viel Geld ich mir damit schon gespart habe. dabei ist es keineswegs hygienischer, wenn ein Papiertuch nach einem Schnäuzen in den Papierkorb geworfen wird. von dort aus können die Keime auf wundervolle Art eine regelrechte Weltreise antreten. sie fliegen einfach überallhin. auch wenn man sich zeitweise nicht mit Handschlag begrüßt um die Keime nicht weiter zu reichen- ich muß nur an einem Abfalleimer vorüber gehen und kann sicher sein, nicht mit leerer Nase nach Hause zu müssen. mal abgesehen vom sinnlosen Einsatz der Chemie bei der Herstellung.

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