Wagenplatz caro frank

Wagenplatz-Verein Schotter & Gleise will alternative Wohnformen etablieren

Die Leute vom Wagenplatz am Alten Leipziger Bahnhof wollen jetzt mitreden. Sie finden alternative Wohnprojekte wichtig und möchten dafür Verständnis wecken und Verbündete suchen. Als im Ortsbeirat Pieschen vor knapp zwei Wochen über die Zukunft am Alten Leipziger Bahnhof diskutiert wurde, traten fünf Wagenplatz-Bewohner zum ersten Mal öffentlich auf. Zwei Tage später beschloss der Stadtrat, auf dem Areal zwischen den Bahngleisen und Leipziger Straße ein Quartier mit familienfreundlichen, behindertengerechten und bezahlbaren Wohnungen zu entwickeln. Plötzlich waren die Chancen für eine langfristige Perspektive des Wagenplatzes deutlich gestiegen. „Wir würden gern einen Teil des Geländes pachten“, sagen Frank Dresig und Caroline Köntges, oder kurz Caro. Sie sind zwei von derzeit 25 Bewohner des Wagenplatzes und gehören dem Verein Schotter&Gleise e.V. an.

Wagenplatz garten

Für die Pflanzen im Gemeinschaftsgarten wird Regenwasser gesammelt. Foto: W. Schenk

Wir sitzen auf einer Freifläche, die von großen und kleineren Bauwagen, Campern oder älteren Wohnwagen umgeben ist. An einer Seite der Fläche befindet sich der gemeinsame Garten mit eingerahmten Beeten. Ein kleinerer Wagenplatz in Richtung Leipziger Straße ist abgeteilt. „Dort wohnen die Hundebesitzer“, sagt Caro. Der Anfang des Wagenplatzes liegt in der Zeit, als das vom Freiraum Elbtal e.V. genutzte Gelände an der Leipziger Straße 33 im Auftrag der damaligen Besitzer zwangsgeräumt wurde. „Damals bot Globus den Wagenbewohnern eine Alternative an“, erzählt Frank Dresig. Das sei für viele der rettende Ausweg gewesen. „In Dresden gibt es nur den einen Wagenplatz“, meint Caro und verweist auf Leipzig, wo es verteilt über die ganze Stadt 17 derartige Plätze gebe. Das sei dort eine bunte Mischung aus spontan besetzten Flächen, gepachteten Plätzen oder aktiver Duldung.

Wagenplatz bühne

Mal Wäscheplatz, mal Bühne. Foto: W. Schenk

Duldung mit Wächterfunktion, so beschreibt Frank auch das Verhältnis zwischen Globus und dem Verein. Die Anwesenheit der Wagenplatz-Bewohner soll von der illegalen Nutzung des Geländes abhalten. Der Verein kümmert sich um Strom, Mülltonnen und Dixie-Klos. Fließendes Wasser gibt es nicht. „Ich hole mein Trinkwasser meist vom dem Trinkwasserbrunnen am Postplatz“, sagt Caro. Noch besser, so Frank, sei das Wasser am Albertplatz – dort könne man Trinkwasser aus dem Artesischen Brunnen abfüllen. Ansonsten werde auf verschiedene Weise Regenwasser gesammelt.

Für ein Leben auf dem Wagenplatz müsse man sich sehr bewusst entscheiden, sagen Frank und Caro und räumen auch gleich mit einem Klischee auf. Es handele sich hier nicht um eine Aussteiger-Siedlung. Fast alle Bewohner seien berufstätig, sagt Frank und zählt auf: Diplomingenieur für Maschinenbau, Chirurg, Sozialarbeiter, Zimmermann, Altenpfleger, CNC-Techniker, Gärtnerin, Ergotherapeutin. Auch ein Student wohne hier. Caro selbst besucht gerade einen Meisterlehrgang zur Herrenmaßschneiderin. Sie schätzt an ihrem Leben besonders die Mobilität. „Nach meiner Ausbildung bin ich drei Jahre auf Wanderschaft gewesen“, erzählt sie. Da habe sie die Vier-Zimmer-Wohnung aufgegeben. Kurz vor Ende der Wanderjahre sei ihr dann der einachsige Bauwagen angeboten worden. „Da habe ich zugeschlagen und bin nach Dresden gezogen“. Im Vergleich zu den Wanderjahren habe sie sich mit diesem 12-Quadratmeter-Haus sogar vergrößert. Der Bauwagen ist nicht nur Schlafstatt, sondern auch Werkstatt. Hier steht ihre Industrienähmaschine, lagern Stoffe, stehen zwei Ankleidepuppen. Auftraggeber, zum Beispiel für auf den Leib geschneiderte Zimmermannsanzüge, habe sie in ihren Wanderjahren kennengelernt. „Als Wohnzimmer habe ich den Wagenplatz und die Stadt. Garten, Waschsalon, Nordbad, Bibliothek samt Internet-Arbeitsplatz“, beschreibt sie ihren Wohn-Alltag.

Frank hat herausgefunden, dass es in der Louisenstraße jetzt einen Waschsalon gibt, in dem man sich die Wartezeit am Rechner-Platz mit Internet vertreiben kann. Das Leben auf dem Wagenplatz koste auch Geld, betont Caro, sei aber auf jeden Fall preiswerter als eine Wohnung. Bei Wohnungsmiete und Nebenkosten wäre kein Geld für ihre Meisterausbildung übrig geblieben.

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Frank baut gerade einen Acht-Meter-Bauwagen aus. Foto: W. Schenk

Auch Frank kennt ein anderes Leben. Der promovierte Diplomingenieur hat in der Halbleiterindustrie in Silicon Valley, Singapor und New York gearbeitet. „Viele meiner Bekannten haben geschuftet, um sich tolle Wohnungen leisten zu können“, sagt er. „Ich wollte Musik machen und habe überlegt, was für mich wirklich wichtig ist“, beschreibt er seine Motive dafür, jetzt in einer Band zu spielen. Die Entscheidung, sich beim Wohnen auf ein Minimum zu beschränken, müsse man sehr bewusst treffen, sagen beide. Auch wenn sie nicht von allen Wagenplatz-Bewohnern die Lebensgeschichten kennen würden, sei die Geldfrage nicht das Zentrale, ist sich Caro sicher. Auch andere Ideen, wie die Tiny-Haus-Bewegung, wären eine Bereicherung für das Areal am Alten Leipziger Bahnhof, meinen beide. Frank baut jetzt an einer neuen Wohnung. Er hat einen alten acht Meter langen Bauwagen gekauft. Das Dach ist abgedichtet, ein großer Teil der Holzverkleidung ist innen schon angebracht.

Wagenplatz Caro

Caro: Mein Wohnzimmer ist der Garten, aber auch die ganze Stadt. Foto: W. Schenk

Das Zusammenleben auf dem Wagenplatz wird im wöchentlichen Plenum besprochen. Diese Tradition habe es schon beim Freiraum Elbtal gegeben. Neben der Organisation des Alltags würden hier auch die Neuaufnahmen diskutiert. In letzter Zeit seien die Anfragen deutlich mehr geworden, meint Frank und erklärt, dass es in Dresden Bedarf für mindestens einen weiteren Wagenplatz gebe. Das sei ein Thema, das  der Verein bei seinen öffentlichen Veranstaltungen künftig mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken möchte. Es sei wichtig, Wagenplätze als alternative Wohnform in die Köpfe der Menschen zu rücken. Die zwei Mal im Jahr veranstalteten Wagenplatz-Feste mit Konzerten auf der selbstgezimmerten Bühne sollen dazu beitragen.

Eine Meinung zu “Wagenplatz-Verein Schotter & Gleise will alternative Wohnformen etablieren

  1. Angela Minck 18. Juni 2018 at 20:44 -

    Hallo,
    ich suche einen Platz für mich,meine beiden Hunde in meinem Bauwagen.
    Liebe Grüße
    Angela

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