Elektroschaltgerätewerk Abrissarbeiten

Brendler’s Geschichten: Von der „Cruse & Co.“ zum „VEB Elektroschaltgeräte Dresden“

Die Geschichte des ehemaligen volkseigenen Betriebes Elektroschaltgeräte Dresden begann am Anfang des letzten Jahrhunderts und hatte mit Edmund Kussi und den Brüdern Cruse drei „Gründungsväter“.

Seit 1906 auf der Werderstraße in der Dresdner-Südvorstadt ansässig, wurde der in der Nähe von Pilsen geborene Edmund Kussi (1866-1935) in den Adressbüchern als „Alleinvertrieb /Generalvertrieb des Staubsaugeapparates ‚Atom‘ für Sachsen und Thüringen“ geführt. Fünf Jahre später, im August 1911, gründeten er und die in Dresden wohnhaften Brüder, die Ingenieure Johann und Friedrich Cruse, im Hause Freiberger Straße Nr. 75 die Firma „RHEOSTAT- Specialfabrik elektrischer Apparate Edmund Kussi“. (Rheostat = stufenlos einstellbarer elektrischer Widerstand, erfunden 1840 vom britischen Physiker Charles Wheatstone (1802-1875)

Cruse Adressverzeichnis

Auszug aus dem Adreßbuch der Stadt Dresden, 1915 / Leipziger Straße Nr. 31. Quelle: Archiv Brendler

Im September 1913 verlegten sie den Firmensitz in das Gelände der ehemaligen „Maschinen- und Schiffsbauanstalt“ des Ernst Otto Schlick (1840-1913) in der Leipziger Vorstadt. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges trennten sich 1914 die Wege der drei Gründer. Edmund Kussi führte die Firma als „RHEOSTAT-Specialbetrieb elektrischer Apparate Edmund Kussi“ weiter, die Gebrüder Cruse gründeten auf der Wachsbleichstraße in Dresden-Friedrichstadt die „Spezialfabrik elektrischer Steuerapparate Gebr. Cruse & Co.“

Cruse Grossenhainer Strasse

Großenhainer Straße Nr. 132, heute Dresdner Niederlassung der ASG-Anerkannte Schulgesellschaft Sachsen. Foto: K. Brendler

Der bislang noch in der Leipziger Vorstadt produzierende Edmund Kussi erwarb 1920 vom Blattgoldfabrikanten Moritz Paul Müller das Doppelhaus Großenhainer Straße Nr. 130/132 in Dresden-Pieschen. Dorthin verlegte er seinen Firmensitz – im Vorderhaus das Büro und die Fabrikation im Hinterhaus. Nach seinem Tode übernahm der Sohn Victor Kussi (1897-1944) die Firma, bis 1938 der NS-Staat den jüdischen Eigentümer zwangsenteignete. Victor Kussi und seine Mutter Olga Kussi (1874-1945) kamen im KZ Auschwitz ums Leben.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt Werner F. Kussi (1910-2010), ebenfalls ein Sohn des Edmund Kussi und tschechischer Staatsbürger, die Firma zurück. 1953 verließ er die DDR. „Im Zuge der ‚Bereinigung‘ der Produktionsprofile und der rationelleren Gestaltung der Leitungsprozesse in der Volkswirtschaft wurde 1954 der Betrieb RHEOSTAT als Werk 6 dem VEB Elektroschaltgeräte Dresden angeschlossen“. (1)

Cruse stadtplan 1928

Ausschnitt aus dem Stadt-Plan Dresden, 1928. Blau hinterlegt ist der Standort „Cruse & Co.“. Quelle: Archiv Brendler

Die Brüder Johannes und Friedrich Cruse gründeten 1914 die „Spezialfabrik elektrischer Steuerapparate Gebr. Cruse & Co.“ und erhielten mit dem Gewerbeschein Nr. 1551 vom 15. November 1914 die entsprechende Konzession. Seit 1916 befand sich ihr Firmensitz im Grundstück Wachsbleichstraße Nr.26/28, welches sie und die 80 Mitarbeiter zunächst mit mehreren Kleinunternehmen teilen mussten. Auf der Suche nach neuen Fabrikgrundstücken wurden sie in Dresden-Mickten fündig. Auf der Lützowstraße, seit 1946 trägt sie den Namen des Antifaschisten Franz Lehmann (1899-1945), befand sich bisher die Dresdner Zigarettenfabrik Kulenkampff & Co. GmbH. Im Jahre 1928 war der Umzug vollzogen.

„Infolge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und der damit verbundenen ökonomischen Entwicklung vergrößerte sich der Absatz an elektrischen Schaltgeräten enorm. Die Belegschaftsstärke stieg auf insgesamt 300 Beschäftigte im Jahre 1939. Diese Entwicklung erforderte die Einrichtung eines  Belegschaftsraumes und einer Kantine.“ (1) So wurde 1939 die Gaststätte „Zum Elbsalon“ an der Kötzschenbroder Straße Nr.20, heute „Zum Landstreicher“, erworben. In der von den anglo-amerikanischen Luftangriffen auf Dresden 1944/45 weitestgehend verschont gebliebenen Firma „Cruse & Co.“ waren auch 60 in Baracken untergebrachte Fremdarbeiter beschäftigt.

„Obwohl es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges keinen Bedarf an elektrischen Schaltgeräten und Steuerapparaten gab, wurde trotzdem die zum Stillstand gekommene Produktion im Juni 1945 wieder aufgenommen. Produziert wurden neben einer geringen Anzahl von Schaltgeräten unter anderem elektrische Bügeleisen sowie Elektrokocher- und platten.“ (1)

Cruse Landstreicher

Die heutige Gaststätte „Zum Landstreicher“ und die leer stehenden Gebäude des ehemaligen Elektroschaltgerätewerkes. Foto: K. Brendler (2007)

Nach einer kurzzeitigen treuhänderischen Verwaltung erfolgte 1946 auf Grund des Volksentscheides im Lande Sachsen die Enteignung der Firma. Der nunmehr VEB Elektroschaltgeräte Dresden produzierte unter anderem „Elektroschaltgeräte aller Art […] für elektromedizinische und elektronische Geräte sowie für Haushaltrührgeräte und andere Konsumgüter.“

Betriebsteile (auch Werke genannt) des VEB Elektroschaltgeräte Dresden befanden sich bis 1990 auf der Franz-Lehmann-Straße in Mickten, in Pieschen, der Leipziger Vorstadt, in Löbtau, der Äußeren Neustadt, der Johannstadt sowie in Radebeul und bis 1958 auch in Pirna-Copitz.

Cruse reglerwerk grossenhainer str

Das ehemalige Reglerwerk auf der Großenhainer Straße wurde 2003 abgerissen. Foto: K. Brendler (1997)

„Die Konzentration und Rationalisierung der DDR-Volkswirtschaft führte 1985 zur Fusion des VEB Elektroschaltgeräte mit dem VEB Reglerwerk Dresden. Der neue, juristisch selbständige, Betrieb wurde als VEB EAW Elektronik Dresden geführt.“ (1) Nach der Vereinigung beider deutscher Staaten 1990 wurde neben vielen anderen auch der VEB Elektroschaltgeräte durch die Treuhand liquidiert. Verträge und Produktion übernahmen Firmen mit ähnlichem oder gleichem Profil in den Altbundesländern. Anlagen und Gebäude blieben weitestgehend ungenutzt, wurden schrittweise zerstört und schließlich, wie auch das in Mickten, abgerissen.

Quellenverweis: (1) Herbert Marx, Dresden; Betriebs-Chronik des VEB Elektroschaltgeräte Dresden / unter Verwendung von Beiträgen von Artur Mauerer, Gerhard Kießling, Erhard Schworm und Heinz Schrön sowie Artikeln der ESD-Betriebszeitung KONTAKT./ Gemeinschaftsarbeit der AG Industriegeschichte der Stadt Dresden 1945-1990 mit dem Stadtarchiv Dresden / Sept.2005

Brendler’s Geschichten ist eine Serie, in der Klaus Brendler für das Onlinejournal Pieschen Aktuell in loser Folge an Orte, Ereignisse und Personen im Ortsamtsbereich Pieschen erinnert. Der Stadtteilhistoriker und Autor ist Vorsitzender des Vereins „Dresdner Geschichtsmarkt“ und Leiter der „Geschichtswerkstatt Dresden-Nordwest“. Er lebt in Dresden-Trachau.
>> zum Archiv von Brendler’s Geschichten

2 Meinungen zu “Brendler’s Geschichten: Von der „Cruse & Co.“ zum „VEB Elektroschaltgeräte Dresden“

  1. Im Werk 6, auf der Großenhainer, hatten wir in den siebziger Jahren UTP – für die Nachgeborenen: UTP – Unterrichtstag in der Produktion. Hier haben wir Ladegeräte für die Simson-Mopeds hergestellt. Ich glaube, im laufe der Zeit, hatte jeder von uns ein eigenes Gerät zu hause. Zusammengebaut aus den geschmuggelten Einzelteilen – manche würden sagen aus den geklauten Teilen.
    Auch wir Schüler kannten schon den Slogan: „Aus unseren Betrieben ist noch vielmehr herauszuholen“.

    Der Paul

  2. Übrigens wurde das Ladegerät für Fahrzeugbatterien, der „Ladefix 2,5“, in der DDR nur im VEB Elektroschaltgeräte Dresden hergestellt. Zwischen diesem Betrieb und der 56.POS Dresden bestand nach meinem Wissen nicht nur eine Patenschaft, sondern der VEB war zugleich auch verantwortlich für die Durchführung der Fächer des Polytechnischen Unterrichts. – Und dass aus den DDR-Betrieben noch viel mehr herauszuholen war, lieber Paul, hat uns zwischen 1990 und 1994 die Treuhand im großen Stil „vor Augen geführt“. – Trachauer

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