Chausseehaus um 1895

Brendler’s Geschichten: Vor 230 Jahren wurde in Pieschen eine Chausseegelder-Einnahme eingerichtet

Die geschichtliche Tatsache, dass von 1787 bis 1885 am Pieschener Winkel eine Einnahmestelle für das zu entrichtende Chausseegeld existierte, fand bisher kaum Beachtung, sieht man einmal von der Erwähnung in der zwischen 1814 und 1833 herausgegebenen achtzehnbändigen Ausgabe des „Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen“ der Gebr. Schumann (Zwickau) ab.

Im Band Nr. 8 (1821) ist zu Pieschen unter anderem vermerkt: „…ein Dorf im meißnischen Kreise des Königreiches Sachsen, eine Stunde nördlich von Dresden am rechten Ufer der Elbe gelegen, […]  mit 50 Häusern und 300 Einwohnern, eingepfarrt nach Kaditz. In der Flur befinden sich mehrere Weinberge und an der Straße ein Chausseehaus […].“

Was wir heute über die Geschichte des Chausseehauses am Pieschener Winkel wissen, ist das Ergebnis der gründlichen Forschungsarbeit des versierten Kenners Dresdner Eisenbahn- und Brückenbaugeschichte und langjährigen Teilnehmers der Geschichtswerkstatt Dresden-Nordwest Dr. Ludwig Jenchen. Die folgenden Ausführungen basieren sowohl auf Beiträgen, die er für die Nordwest Rundschau Nr. II/2007 und für „Die Geschichte des Dresdner Vorortes Pieschen“ (2008) geschrieben hatte, als auch auf Texten seiner Tafelausstellung anlässlich des 10. Marktes für Dresdner Geschichte und Geschichten des Jahres 2014.

Ludwig Jenchen 2014

Dr. Ludwig Jenchen (2014). Foto: K. Brendler

Zum besseren Verständnis sei vorab bemerkt, dass man ausgebaute, mit fester Fahrbahndecke versehene, „ingenieurmäßig“ geplante und deshalb deutlich geradliniger verlaufende Landstraßen als Chaussee bezeichnete. Den Anlass für die Errichtung eines Chausseehauses mit Schlagbaum, an dem die Fuhrleute Chausseegeld zur Wartung und zum Unterhalt derselben entrichten mussten, gab jeweils die Fertigstellung eines Chaussee-Abschnittes von mindestens 9,1 Kilometer Länge.

Chausseehaus Standort erstes Einnehmerhaus

Farblich markiert ist der Standort des ersten Einnehmerhauses am Pieschener Winkel. Foto: K. Brendler

Am 15. August 1787 wurde am Pieschener Winkel die „Churfürstlich Sächsische Chausseegelder-Einnahme Pieschen“ eingerichtet. Sie war nacheinander in drei verschiedenen Gebäuden untergebracht und wurde während der Zeit ihres Bestehens von fünf Einnehmern im Beamtenstatus mit Polizeigewalt für den Bereich der Einnahmestelle verwaltet und bewohnt. Es war üblich, sich möglichst billig in ein vorhandenes Wohnhaus, Bauerngehöft oder ein Gasthaus  auf Staatskosten einzumieten. Nur in Sonderfällen entschied sich der Fiskus, also die Finanzverwaltung des Staates, wegen der höheren Kosten für den Neubau eines bescheidenen Chausseehauses in strategisch günstiger Lage, das heißt, mit Sicht auf alle abzweigenden Wege.

Chausseehaus Lohnkutscher

Lohnkutscher, von Leipzig kommend, auf der Fahrt nach Dresden im Jahre 1836. Quelle: Archiv Dr. Jenchen

Das damals einzige für den Zweck geeignete und direkt an der neuen Meißner Post- und Landstraße gelegene Haus gehörte der Witwe Johanna  Friederike Iltzsche, die das Erdgeschoss für die ansehnliche Summe von 30 Talern pro Jahr an den ersten Pieschener Chausseegeldeinnehmer, den ehemaligen Sergeanten der Infanterie Adolph Friedrich Conradi, vermietete. Im Nebengebäude betrieb sie ihren Bier- und Weinausschank. Conradi, dem als Helfer der Trachauer Johann Gottlob Grießbach zur Seite stand, ließ sich im April 1790 auf eigenen Wunsch nach Colditz (Sachsen) versetzen.

George Gottlieb Morgenstern, seit August 1790 Nachfolger des Adolph Friedrich Conradi, baute sich 1796 gegenüber der bisherigen Einnahmestelle als erstes Haus auf der Elbseite überhaupt ein neues zweistöckiges für diesen Zweck bestimmtes Fachwerkhaus. Wegen des Mietverlustes, so berichten die Chronisten, habe die Witwe Iltzsche zwar protestiert, aber offensichtlich ohne Erfolg. Der Fiskus mietete für die Einnahmestelle vier Räume im Erdgeschoss des Hauses, zunächst für 15 Taler, ab 1810 für 30 Taler.

Nach dem Tode Morgensterns im Dezember 1820 wurde am 28. Dezember des gleichen Jahres als dritter Pieschener Chausseegelder-Einnehmer der vorherige Stabsquartiermeister Carl Leberecht Jentzsch verpflichtet. Da die Witwe Sophia Rahel Morgenstern ihre Mietansprüche derart steigerte, hatte der Staat das Grundstück vor allem seiner  idealen Verkehrskontrolle wegen im Januar 1835 für 2.350 Taler erworben. Noch 1835 beantragte Jentzsch die mietweise Überlassung des Obergeschosses mit Gartennutzung sowie die pachtweise Übertragung des darauf ruhenden Rechtes zum Most- und Weinschank. Dem Chausseehaus dürfe aber durch den Schankbetrieb in keinster Weise ein Nachteil erwachsen, wurde festgelegt, im Mai 1835 erfolgte die Übergabe der Räumlichkeiten.

Gasthof Weißes Roß

Eine Ansicht des 1788 erbauten Hauses mit dem Gasthof „Weißes Roß“ – von Kunstmaler Oskar Max Brösel (1871-1947). Quelle: Archiv G. Staudte/Radebeul

Friedrich August Maximilian Menzel, seit dem 4.August 1837 der vierte Einnehmer, hatte Mitte Dezember 1843 zusätzlich zum Weinschank auch um die Konzession zum Kaffeeausschank nachgesucht und selbige wie folgt begründet: „Da Pieschen oft und gern von Residenzbewohnern besucht wird, gebricht es an einem Bewirtungsorte, wo Leute gebildeten Standes sich erholen können, wofür die Wohnung des Chausseegelder-Einnehmers in Pieschen ganz geeignet erscheint.“ Die Konzession wurde mit dem Hinweis erteilt, dass der Kaffeeausschank nicht von Menzel selbst, sondern von den Seinigen zu erfolgen habe. Wegen kriegsbedingter Invalidität ließ sich Menzel im September 1854 in den Ruhestand versetzen.

Als letzter Einnehmer in Pieschen erhielt am 9. Oktober 1854 der aus dem Raum Freiberg stammende ledige Jurist Julius Kühne eine Anstellung. Er war bis dahin als Billetstempler bei der Königlich-Sächsischen Staatseisenbahn beschäftigt gewesen. Während seiner Amtszeit wurde nach eingehender bautechnischer Untersuchung durch den Landbaumeister Adolph Canzler (1818-1903) ein im Januar 1874 vollendeter Chausseehaus-Neubau errichtet.

Infolge des bereits in der Postkutschenzeit starken Verkehrs erzielte die Chausseegeld-Einnahme Pieschen die höchsten Einnahmen aller elf Kontrollstellen zwischen Dresden und Leipzig. Beispielsweise passierten im Spitzenmonat Oktober 1797 insgesamt 1.766 Fuhrwerke mit 4.042 Pferden das Chausseehaus und entrichteten für den Folgeabschnitt die festgelegte Summe.

Der attraktivere Eisenbahnverkehr ab 1840 bewirkte aber markante Einbußen der Chausseegelder-Einnahmen und trug zu deren Auflassung bei. Am 31. Dezember 1885 um neun Uhr wurden die Einnahmestellen in ganz Sachsen geschlossen.

Bäckerei Walther

Wo früher das Chausseehauses Pieschen stand, wurde 1903/04 das Mehrfamilienhaus Leipziger Straße 111 errichtet – im Erdgeschoss ist heute die Bäckerei Walther. Foto: K. Brendler

Nachdem die Chausseegeld-Erhebung landesweit eingestellt worden war, ersteigerte der Schmied und Restaurantbesitzer Carl Wilhelm Fiedler die Pieschener Hälfte des genau auf der Flurgrenze zu Mickten liegenden Chausseehaus-Neubaus für 6.000 Mark und schloss die Baulücke zwischen beiden Gebäuden mit einer Überdachung für den Hufbeschlag. Das relativ neuwertige dritte Chausseehaus mit einem Zeitwert von 8.000 Mark eignete sich hervorragend als Cafe und Weinstube, wie aus der Abbildung der Straßenfront ersichtlich ist.

Die Fläche des ehemaligen Chausseehauses Pieschen wird heute vom 1903/04 erbauten mehrgeschossigen Wohnhaus Leipziger Straße Nr. 111 mit der Bäckerei Walther besetzt.

Brendler’s Geschichten ist eine Serie, in der Klaus Brendler für das Onlinejournal Pieschen Aktuell in loser Folge an Orte, Ereignisse und Personen im Ortsamtsbereich Pieschen erinnert. Der Stadtteilhistoriker und Autor ist Vorsitzender des Vereins „Dresdner Geschichtsmarkt“ und Leiter der „Geschichtswerkstatt Dresden-Nordwest“. Er lebt in Dresden-Trachau.

Eine Meinung zu “Brendler’s Geschichten: Vor 230 Jahren wurde in Pieschen eine Chausseegelder-Einnahme eingerichtet

  1. Sehr interessanter Artikel, den ich sehr gerne gelesen habe.
    Geschichte vor der Haustüre…

    Dickes Dankeschön dafür !!! 🙂

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