Rollstuhfahrschule Dirk Schmidt

Pieschener Verein „Inklusion in Dresden“ startet Rollstuhlfahrschule

Was sind schon 20 Zentimeter. Ein Bordstein, eine Treppe, ein Podest in einem Restaurant. Lieselotte und Lena haben es ausprobiert. Sie sitzen in einem Rollstuhl und versuchen, das Hindernis zu überwinden. Falls Lieselotte mit dem für sie ungewohnten Gefährt kippen sollte, steht Lena hinter ihr und sichert ab. Es ist schwer, das Gewicht zu halten.

Rollstuhfahrschule 0203 Lieselotte Lena

Lieselotte testet die Strecke, Lena sichert ab. alle Foto: W. Schenk

Am Mittwoch haben Kinder und Erwachsene im Stadtteilzentrum „Emmers“ die erste Rollstuhlfahrschule eröffnet. Dirk Schmidt gibt Tipps an alle, die jetzt versuchen, den im Saal aufgebauten Fahrschulparcour zu meistern. Er sitzt seit 18 Jahren im Rollstuhl. „Ein Unfall, als ich 22 Jahre alt war“, sagt er. Jetzt ist er Vorstandsvorsitzender des Vereins INDD e.v., Inklusion in Dresden. Sein Leben vor dem Unfall in einem Dorf in der Nähe von Saalfeld in Thüringen ist weit weg, als stamme es aus einer anderen Zeit.

Mit der Rollstuhlfahrschule will Schmidt vor allem kleinen und großen Rollstuhlfahrern helfen. Sie sollen in entspannter Atmosphäre, ohne neugierige Blicke üben können. Man müsse auch auf unerwartete Situationen vorbereitet sein. Und allen anderen will er die Augen öffnen, wenn sie die Welt aus der Rollstuhl-Perspektive erleben – zumindest in Sachen Fortbewegung. Außerdem, so ergänzt Vereinsmitglied Sabine Koch, sei dies gut, um Hemmnisse im Umgang miteinander abzubauen. Auch sie habe diese Erfahrung gemacht. Das quirlige Gewusel der Rollstuhl testenden Kinder, die sich immer wieder vertrauensvoll an Dirk Schmidt wenden, zeigt, was sie damit meint.

Emmers Rollstuhfahrschule 0203 Wintrich

Volle Konzentration: Ortsamtschef Christian Wintrich auf dem Parcour. Sabine Koch vom Verein sichert ab.

Im vergangenen Jahr hat der Verein „Wir sind Pieschen“ einen Betrag von 6.000 Euro von der Stiftung „Children for a better world“ (München) für verschiedene Projekte mit Kindern ausgeschrieben. Wir wollten „niederschwellige Ideen unterstützen“, erläutert Ortsamtsleiter Christian Wintrich, der mit der Pro-Pieschen-Vorsitzenden Heide Geiler oder Thomas Rommel vom Eselsnest zu einer kleinen Jury gehörte und die Bewerbungen bewertet hat.

2.530 Euro wurden dem Verein Inklusion in Dresden für die Rollstuhlfahrschule zugesprochen. Insgesamt erhielten neun Initiativen Fördermittel, zum Beispiel auch „Dresden bouldert“, „Ehrenamtliche Deutschkurse“ oder „Mädchen in Pieschen“. Der Verein „Inklusion in Dresden“ ist im Kinder-und Jugendhaus Emmers untergekommen. Die Idee passe wunderbar zu den anderen Angeboten des Hauses, erläutert Emmers-Chef Jens Hilgner.

Nach dem Jury-Entscheid wurde es für Vereinsvorsitzenden Schmidt nun ernst. Zwei Monate hat er mit seinen Mitstreitern gesägt, gehobelt und lackiert, um die Rampen für den Parcour zu bauen. An der Seite wurden Rollen für den besseren Transport angebracht. Zwischendurch hat er sich in der Holzwerkstatt des Emmers um die Kinder gekümmert, die regelmäßig zum Basteln kommen. Pylonen für den Slalomkurs mussten gekauft werden.

Emmers Rollstuhfahrschule 0203 disco

Fahrschule mit Disko-Flair.

Besonders stolz ist er auf die sechs Rollstühle. „Pro Stück haben wir 300 Euro bezahlt. Sonst kosten sie zwischen 4.000 und 4.500 Euro“, sagt er, „weil es normalerweise Maßanfertigungen sind“. Absperrbänder, dicke Reifen zum Wechseln und Fahrradhelme wurden auch noch organisiert. Die alten Judomatten sind eine Spende. Auf ihnen kann man das schwerere Rollen wie auf einem Rasen simulieren, meint Schmidt. Am Mittwoch war die Fahrschule im großen Saal des Emmers aufgebaut. Sobald es das Wetter zulässt, wird der Parcour im Emmers-Hof um eine Kiesstrecke, eine Sandgrube und andere Hindernisse erweitert. Dann werden die Fahrschulstunden deutlich anstrengender.

Die ersten Bewerber für die Fahrschule hätten sich schon gemeldet, meinte Schmidt. Die Teilnahme an der Rollstuhlfahrschule sei kostenfrei, betont er. Aber jetzt wolle man das Projekt erst einmal bekannt machen. Dazu sollen auch Rollstuhl-Touren mit den Fahrschülern durch Pieschen dienen.

„Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis“, schaut sich Dirk Schmidt am Mittwoch Abend in der Runde um. Für einen, der sich als Perfektionist bezeichnet, will das was heißen. Sagt’s und zeigt noch mal, wie man 20 Zentimeter mit dem Rollstuhl überwinden kann.

Zum Thema:

>> Anfragen zur Rollstuhlfahrschule: dschmidt@inklusionindresden.de, Tel: 0172 3514573
>> Kinder- und Jugendhaus Emmers
>> Verein Inklusion in Dresden
>> Stiftung Children for a better world

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