Pieschener Melodien

„Pieschener Melodien“ – harmonisch schwingend durchs alte Neudorf, Teil 1

„Pieschener Melodien“ – was nach Konzertreihe oder Soundinstallation klingt, ist in Wirklichkeit ein neues, grünes Wohnquartier zwischen Konkordienplatz, Leipziger und Moritzburger Straße. Oder wird, um korrekt zu sein. Denn im Unterschied zum nahe gelegenen Markus-Projekt, wo im Herbst 2017 die ersten der insgesamt 114 Wohnungen bezugsfertig sein sollen, wird es hier länger dauern. Auf den mehr als zehn nach der Neuordnung entstandenen Grundstücken können bis zu 400 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern entstehen.

Novum für Dresden – Straße als gemeinsamer Raum

Pieschener Melodien

Shared Space: Die Straße als gemeinsamer Raum.

Die Bauarbeiten sind nicht zu übersehen, das künftige Aussehen kann man bislang nur erahnen. Der „melodiöse“ Name bezieht sich zum einen auf die geschwungene Straße, die das künftige Wohngebiet erschließen soll, und auf den Park, der ringsherum angelegt wird. Die verkehrsberuhigte Straße wird sich zwischen den vorhandenen Bäumen durchwinden, Grünflächen und Spielbereiche sind durch Hecken oder niedrige Geländer abgegrenzt. Die oberste dünne Schicht auf der Straße wird aus rotem Aspalt sein. Entworfen hat das Konzept das Dresdner Landschaftsarchitektur-Büro Noack.

Pieschener Melodien

on der geschwungenen Straße und dem künftigen Wohngebiet ist noch nicht viel zu erkennen. Foto: Tanja Tröger

Zum anderen zielt der Name „Pieschener Melodien“ auf das (hoffentlich) harmonische Zusammenspiel von Autofahrern, Fußgängern, Radfahrern und Kindern ab. Die „Melodien“ werden nämlich der erste „shared space“ (englisch: gemeinsamer Raum) in Dresden. „Ziel ist dabei, die Straße vor allem auch als Spiel- und Kommunikationsort zu nutzen. Alle Verkehrsteilnehmer sind gleichberechtigt“, beschreibt Thomas Pieper, Sachgruppenleiter Stadterneuerung und Quartiersplanung Nord im Stadtplanungsamt, das Konzept. Auf Verkehrszeichen, Ampeln und Fahrbahnmarkierungen wird fast vollständig verzichtet. Die gewundene Straße zwinge Fahrzeuge, langsam zu fahren. So entstehe auch deutlich weniger Verkehrslärm, hoffen die Planer. Beispiele für shared spaces gibt es in Dresden noch nicht, aber in den Niederlanden, wo das Konzept entwickelt wurde, hat man gute Erfahrungen gemacht: Die Nutzer nahmen mehr Rücksicht aufeinander, die Lebensqualität im Viertel stieg.

Geduld der Anwohner gefragt

Doch bis die Pieschener testen können, ob die Idee des gleichberechtigten Miteinanders aufgeht, müssen sie sich noch gedulden. Bis Straße, Wege und Park fertig sind, wird es noch Monate dauern. Zunächst soll bis Ende September 2016 die Erschließung des Areals abgeschlossen sein, teilte die Stadt Dresden mit. Im Herbst 2015 hatten die Arbeiter begonnen, den Wildwuchs sowie alte Garagen und Schuppen auf der einstigen Brache zu entfernen. Seit März haben sie Gräben ausgeschachtet, Elektro-, Wasser- und Fernwärmeleitungen verlegt sowie Vorarbeiten für den Straßen- und Wegebau geleistet. Mit all diesen Arbeiten hatte die Landeshauptstadt die Sanierungsträgergesellschaft Pieschen GmbH (PSG) mit Sitz an der Markusstraße beauftragt.

Straße und Weg nach Pieschener Unternehmerinnen benannt

Pieschener Melodien Rosa Steinhart

Namenspatin: Am Trachenberger Platz hatte Rosa Steinhart und ihr Mann ein Spezialgeschäft für Haus- und Küchengeräte. Fots: Tanja Tröger

Die neue Einbahnstraße wird vom Konkordienplatz aus in Richtung Moritzburger Straße verlaufen. Sie „soll ausschließlich das zukünftige Wohngebiet erschließen und keine Durchgangsfunktion haben“, betont Thomas Pieper vom Stadtplanungsamt. Zusätzlich führen von der Oschatzer und von der Konkordienstraße aus zwei Fußwege ins Innere der „Pieschener Melodien“.

Der Verlauf der Straßen und Wege ist bereits zu erkennen, ihre Namen stehen auch schon fest. Die Erschließungsstraße wird nicht etwa, wie es vielleicht naheliegend wäre, als Verlängerung der Ilmenauer Straße geführt, sondern nach der Jüdin Rosa Steinhart (1885–1943) benannt, die am Trachenberger Platz gemeinsam mit ihrem Mann ein Spezialgeschäft für Haus- und Küchengeräte betrieb und im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Einer der Fußwege erinnert an eine weitere Unternehmerin aus dem Stadtviertel: an Hedwig Langner (1870–1945), die das legendäre Spielzeuggeschäft mit Puppenklinik an der Bürgerstraße gründete. Der zweite Fußweg wird die Bezeichnung „Neudorfer Weg“ tragen, liegt doch das Areal auf der Flur des einstigen Neudorf, das 1866 nach Dresden eingemeindet wurde. Der Ortsbeirat Pieschen einigte sich im Januar 2015 auf diese Namen, der Stadtrat stimmte den Vorschlägen im vergangenen Oktober zu.

Ehe jedoch die Bagger rollen konnten, mussten die Flurstücke in dem vier Hektar großen Areal neu geordnet werden. Mehr darüber und wann die Straße freigegeben wird, morgen in Teil 2 von „Pieschener Melodien – harmonisch schwingend durchs alte Neudorf“.

 

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