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Ältester Gastronomiestandort in Pieschen – Knut Jahn ist hier groß geworden

Eigentlich war es zu erwarten: Knut Jahn hat – wie gefühlt auch jeder andere etwas ältere Dresdner Einwohner – im Sachsenbad in Pieschen schwimmen gelernt. Der Schwimmlehrer muss gut gewesen sein. „Wegen der Schwimmerei sind wir extra von Pirmasens nach Darmstadt umgezogen“, erinnert er sich. Das war später, als die Familie schon im Westen war. Groß geworden ist Knut Jahn an der Ecke Bürgerstraße und Oschatzer Straße – in dem Haus, in dem früher die Gaststätte „Zur Post“ war.

Weil das Haus immer noch Familienbesitz ist, sind die Jahns regelmäßig in Dresden. Jetzt sitzt Jahn mit seiner Frau Martha im kleinen Saal in der ersten Etage vom „&rausch“ und kann noch genau beschreiben, wo welche Wand verlief und wie die Möbel standen. Auch an den Blick aus dem kleinen Eckbalkon über dem Kneipeneingang knüpfen sich viele Erinnerungen.

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Erst „Jahns Gaststätten“, später „Zur Post“. Foto: privat

1888 ist das Haus erbaut worden. Der Großvater war 1920 von Senftenberg nach Dresden gezogen und hat hier eine Gaststätte mit Metzgerei eröffnet. Der Vater lernte als Koch im Ratskeller. Vor seiner Hochzeit erfüllte er sich einen großen Traum und ging als Schiffskoch auf Weltreise. Vielleicht war das einer der Gründe, warum er sich später in der DDR nicht einsperren lassen wollte. Früher, so erinnert sich Jahn, kam man vom Eckeingang an den Tresen zum Biertrinken. Das war der rustikalere Teil. Im hinteren Bereich ging es feiner zu. Da trafen sich regelmäßig die Geschäftsleute.

Jahn erinnert sich nicht nur an das Sachsenbad, sondern auch an ein anderes derzeit beliebtes Thema der Pieschener: Die Fähre. Als Helmut Schön noch beim DSC gespielt hat, sei er mit der Mannschaft immer mit der Fähre aus dem Ostragehege nach Pieschen gekommen, um hier einzukehren. Nach 1945 habe sein Vater die Post wieder aufgemacht. Ende der 50er Jahre wurde er enteignet, konnte aber als Geschäftsführer weiter arbeiten. Im Sommer 1960 ist die Familie in den Westen gezogen. Da war Knut Jahn 12 Jahre alt. „Ich habe als Schüler und Student gekellnert und kann noch heute eine Tablett mit 10 Gläsern tragen“, sagt er mit voller Überzeugung.

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1952: Faschinmit Personal und Gästen. Foto: privat

Fred Breuninger, gastronomischer Leiter im &rausch, sitzt daneben und schmunzelt. Auf einen Test will er es nicht ankommen lassen. Man kennt sich. „Das Konzept der &rausch-Mannschaft hat uns sehr gut gefallen“, sagt Jahn. Auch die Chemie mit den Betreibern habe gestimmt. Darum gibt es seit April das &rausch als Café, Bistro und Bar. Beliebt sind inzwischen der Mittagstisch, Live-Konzerte und das Kneipen-Quiz.

Das Eckhaus ist der älteste Gastronomiestandort in Pieschen, erzählt Stadtteilhistoriker Jürgen Naumann. Seit 1920 wechselten hier die Wirte und über der Tür standen zum Beispiel Namen wie „Jahns Gasthof“, „Zur Post“, „Frankreichladen“ und jetzt „&rausch“. Vor dem Einzug des Frankreichladens, so erinnert sich Martha Jahn, habe es zehn wilde Jahre mit ständig wechselnden Betreibern gegeben.

Naumann macht nun die Kneipengeschichte zum Thema einer Stadtteilführung. Bis zum 2. Weltkrieg konnten die Einwohner unter mehr als 50 Gaststätten wählen, zum Beispiel in den „Deutschen Kaiser“ gehen oder in die längst abgerissene Hafenschänke. Knut Jahn hat jetzt alte Fotos und Dokumente mitgebracht. Einen Teil davon will Naumann bei der Führung zu den verschiedenen historischen Standorten in Pieschen zeigen.

WAS: Stadtteilführung „Von Wirtsleuten und Wirtshäusern – ein historischer Exkurs zu den Gaststätten in Pieschen“
WANN: 21. Oktober, 18.00 Uhr
WO: Café und Bar „& Rausch“, Bürgerstraße/ Ecke Oschatzer Str.
Wieviel: 7 Euro/Person

Eine Meinung zu “Ältester Gastronomiestandort in Pieschen – Knut Jahn ist hier groß geworden

  1. Jürgen Wolf sagt:

    Es ist eine sehr gute Idee, sich um die historische Kneipenszene im ehemaligen Arbeitervorort Pieschen zu bemühen. Kneipen waren schon immer ein wichtiger Ort an dem sich das soziale Leben in solchen Vierteln abgespielt hat. Die DDR hat auch diesen Bereich fast völlig zerschlagen. M;an muss sich nur einmal vorstellen, dass in der Dresdner Neustadt in den 1960er Jahren über 100 Kneipen durch bewusst verschärfte Bau- und Hygiene-Vorschriften ins „Aus“ getrieben worden sind. Jede öffentliche Aktivität, die das historische Szene-Milieu wieder versucht in das Bewußtsein der Bewohner zu bringen, ist besonders begrüßenswert. Ich jedenfalls bin von dem Artikel angeregt worden, die geschilderte Führung mitzumachen

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