Brendler’s Geschichten: Der Schwager meines Urgroßvaters

Im ersten Band der von Heidemarie und Heinz Glodschei verfassten und 2008 erschienenen „… Geschichte des Dresdner Vorortes Pieschen“ findet sich auf den Seiten 75 bis 77 eine Übersicht mit Architekten und Baumeistern, die im Bereich des heutigen Stadtbezirkes Dresden-Pieschen ihre Spuren hinterlassen haben.

Aufgeführt und kurz erläutert sind unter anderen die Dresdner Stadtbauräte Hans Erlwein (1872-1914) und Paul Wolf (1879-1957), der Architekt der 1888 geweihten Markuskirche Christian Gottfried Schramm (1857-1922) sowie die Gründer des „Architekturbüros Schilling & Graebner“, Georg Rudolf Schilling (1859-1933) und Julius Wilhelm Graebner (1858-1917). Nach Entwürfen der beiden Letztgenannten war das Pieschener Rathaus erbaut und am 30. November 1891 seiner Bestimmung übergeben worden. Die „Inanspruchnahme des Hintergebäudes…“, so die damalige Tagespresse, erfolgte im Oktober des Jahres darauf.

„Allgemeine Bedingungen für die […] Ausführungen von Bauarbeiten“ (Vertrag zum Rathausbau), unterschrieben vom Gemeindevorstand Gustav Lemcke, vom Architekturbüro „Schilling & Graebner“ und vom Zimmermeister Rich. Martin / Archiv Klaus Brendler

Im Zusammenhang mit dem Bau des Rathauses nennt das vom Ministerium für öffentliche Arbeiten herausgegebene „Centralblatt der Bauverwaltung“ vom 30. Januar 1892 neben anderen bauausführenden Firmen auch die des in Pieschen (Moltkestraße Nr.2a) ansässigen Zimmermeisters Martin. In der anfangs erwähnten „… Geschichte des Dresdner Vorortes Pieschen“ wird als Architekt ebenfalls ein „Martin, Richard Walter, Geburts- und Sterbedaten unbekannt, Architekt und Maurermeister aus Pieschen“ aufgelistet.

Gustav Richard Martin (1863-1935), Innungsmitglied der Dresdner Baumeister seit 1908, beeideter Grundstücksschätzer sowie Sachverständiger für das Amtsgericht Dresden. Quelle: Archiv K. Brendler

Der in beiden Dokumenten genannte Martin war der Schwager meines Urgroßvaters und wurde am 23. Januar 1863 als Gustav Richard Martin in Meerane geboren. Von Beruf Zimmerer, nicht Maurer, und seit 1886 in der Inneren Neustadt Dresdens wohnhaft, schloss er im April 1888 in Frankenberg /Sa. die Ehe mit einer der vier Schwestern meines Urgroßvaters.

Anfang der 1890er Jahre gründete Gustav Richard Martin in der Dresdner Vorortgemeinde Pieschen ein kleines Bauunternehmen, mit dem er nicht nur in Pieschen selbst, sondern auch im Dresdner Nordwesten „seine Spuren“ hinterließ. So errichteten er und seine Mitarbeiter die 1945 zerstörte Schulturnhalle in Dresden-Übigau (1899), das am 31. Mai 1899 übergebene Schulhaus und Turnhalle in Dresden-Mickten, eine überschaubare Anzahl an Wohnhäusern (u.a. Alttrachau Nr.48) sowie Gaststättenneu- bzw. umbauten.

Das Micktener Ball- und Brauhaus Watzke auf einer historischen Ansichtskarte (um 1905). Quelle: Archiv S. Reinhardt

Am 2. Oktober 1898 konnte die Schankwirtin Wilhelmine Watzke aus den Händen Gustav Richard Martins den Schlüssel für ihr „Concert & Ball-Etablissement“ entgegennehmen, was . dessen Bauunternehmen nach einem Entwurf des Architekten Benno Hübel (1876-1926) in nur fünf Monaten errichtet hatte. Und auch der Saalneubau für den Gasthof „Zum Goldenen Lamm“ in Trachau, den der Grundstückseigentümer und Gastwirt Heinrich August Werner zwischen 1895 und 1898 vornehmen ließ und die das Gebäude im Wesentlichen zu dem machte, wie es sich uns heute noch zeigt, wurden von der Baufirma Martin ausgeführt.

Auf einem um 1897/98 erworbenen Grundstück hatte sich Baumeister Martin das Wohnhaus Tichatscheckstraße Nr.14 gebaut, in dem er bis zu seinem Tode wohnte. Foto: K. Brendler

Gustav Richard Martin, seit 1893 Bruder der gerechten und vollkommenen St. Johannis Freimaurerloge „Zu den ehernen Säulen“ in Dresden, im Geschäftsjahr 1896/97 stellvertretender Schriftführer des „Königlich-Sächsischen Militär-Vereins“ Pieschen und von 1900 bis 1902 Mitglied des Gemeinderates Mickten, starb am 6. Oktober 1935. Beigesetzt wurde er an der Seite seiner Ehefrau auf dem Markusfriedhof in Dresden-Pieschen. Die Grabstätte (vermutlich Jugendstil) gehört zu den denkmalgeschützten Bauten auf Dresdner Friedhöfen.

Abschließend eine Anmerkung in eigener Sache: Weder meinen aus Frankenberg stammenden Urgroßvater noch dessen Schwager habe ich persönlich gekannt. Gustav Richard Martin starb vier Jahre bevor ich geboren wurde, der Urgroßvater noch vor meinem zweiten Geburtstag. Wesentliche Quellen meines Wissens sind der recht umfangreiche Nachlass meines Vaters und Großvaters sowie die vielen, nun schon recht lange zurückliegenden Gespräche mit den Nachkommen des Baumeisters Martin.

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