Gerichtstag in Pieschen: Angeklagt sind ein „Jünger Merkurs“ und ein Sittenstrolch

Mit strengem Blick musterte Amtsrichter Oswald von Kyew das Häufchen Unglück, das zum wiederholten Maße vor ihm saß. „Pfüller, Pfüller, Pfüller, was soll ich bloß mit Ihnen machen.“ Der so Genannte saß mit gesenktem Haupte da und sagte nichts. Ein Mann neben ihm auf der Bank der Angeklagten lachte laut los, um sogleich vom Richter zur Ordnung gerufen zu werden. „Conrad, Sie haben erstmal die Gusche zu halten. Ihr Fall ist anschließend dran.“

„Jawohl Euer Hochwohlgeboren“, antwortete dieser grinsend. Das reichlich erschiene Publikum im von der Justitia genutzten Saal der Gemeindeverwaltung im alten Schulhaus, erwartete an diesem Nachmittag im Wonnemonat Mai des Jahres 1887 ein großes Vergnügen im sonst so ereignislosen Vorstadtleben.

Der Wachtmeister als Zeuge

Der kurz vor der Pension stehende Gerichtsdiener führte schlürfend den Hauptzeugen in der Sache Pfüller herein. „Herr Wachtmeister Schreiber …“ Dienstbeflissen salutierte dieser. „Jawohl Herr Gerichtsrat. Ich bin Wilhelm Schreiber, Wachtmeister der Gemeinde Pieschen, Herr Oberrat.“ „Amtsrichter reicht, lieber Schreiber. Und stehen Sie bequem.“ Der sichtlich nervöse Polizist spielte mit seiner Mütze. Es war seine erste Gerichtsverhandlung, in der er als Zeuge auftrat. „Also Schreiber, nun erzählen Sie uns mal, was sich vor zwei Wochen hier auf der Bürgerstraße zutrug.“

„Also Herr Rat, an diesem Tag hatte ich Dienst auf der Straße, also Streifendienst, aber in Zivil. Ich sorgte dafür, dass unsere braven Bürger ohne Sorgen ihren Geschäften nachgehen konnten.“

Merkur – Schutzpatron der Kaufleute und Diebe

„Und wann lief ihnen der Angeklagte Pfüller über den Weg?“, warf der Richter ein, um den langsamen Redefluss des Wachtmeisters ein wenig zu beschleunigen. „Naja, der fiel mir nicht gleich auf. Erst als ich genauer zur Ecke von der Oschatzer Straße schaute, sah ich dort einen Jünger Merkurs rumlümmeln.“ „Ein Jünger von wem?“ „Merkur, euer Ehren. Sie wissen doch, Herr Hofgerichtsrat, der Merkur, dieser geflügelte römische Gott ist der Schutzpatron der Kaufleute und Diebe. Irgendwie war der nicht aufmerksam oder mit anderem beschäftigt oder lag nach einem Gelage mit Dionysos noch auf seiner Pritsche. Wie dem auch sei, Herr Gerichtspräsident, jedenfalls ist mir der Pfüller aufgefallen.“

„Amtsrichter, lieber Schreiber, ich bin Amtsrichter oder nur Richter. Bitte keine verbalen Hochstapeleien und erst recht keine unterstellten Amtsanmaßungen.“ Dann wandte sich der Richter an den Angeklagten. „Sie sind Friedrich Pfüller und waren hier in dieser Gemeinde einst ein ehrbarer Kaufmann.“ „Jawohl, Herr Richter.“ „Und Sie sind vor Jahren auf die schiefe Bahn geraten, haben Kunden betrogen. Dafür habe ich Sie schon einmal arrestiert. Nach Ihrer Entlassung haben Sie sich der Kehrseite Ihres Schutzpatrons, der Dieberei und Landstreicherei hingegeben. Auch dafür habe ich Sie eine Zeit lang daran gehindert, sich unter das ehrbare Volk zu mischen und sich Ihrem unlauteren Tatendrang hinzugeben. Danach wurde Ihnen der Zutritt nach Pieschen verboten. Nur mal so fürs Protokoll und für die zahlreichen Zuschauer. Herr Wachtmeister was passierte nach ihrer Entdeckung des Pfüller an der Oschatzer Straße?“

Die Arretierung des Delinquenten

„Ich erkannte den rechtswidrig Zurückgekehrten sofort. Der war in einem erbärmlichen Zustand. Die Kleidung war zerlumpt. Aus den Stiefeln blickten die Zehen neugierig in die Welt hinaus.“ Das Publikum lachte. Der Richter klopfte mit seinem Hammer auf sein Pult und bat um Ruhe. „Nun unterzog ich diese Figur meiner besonderen Beaugapfelung.“ „Einer Be… was?“ „Beaugapfelung, Herr Ge… äh Amtsrichter. Ich guckte mir den Pfüller genauer an. Ich forderte ihn auf, mir zur Gendarmerie zu folgen.“ Der Wachtmeister schwieg. „Und weiter Schreiber. Lassen Sie sich doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.“

„Schon gut, schon gut. Also der Pfüller verweigerte sich meinem Verlangen und machte ein mächtiges Theater, so dass viel Volk zusammenlief. Das nutze wohl der Delinquent und führte eine regelrechte Posse auf. Er warf sich zu Boden und strampelte so doll mit den Armen und Beinen, dass ich größte Mühe hatte, ihn in Gewahrsam zu nehmen. Dabei zog ich mir mehrere blaue Flecke zu.“ Aus dem Publikum erscholl bedauerliches Seufzen.

„Machen wir kurzen Prozess, Pfüller. Es ist alles gesagt und durch Zeugen belegt. Ich verurteile Sie wegen Landstreicherei, des wiederholten Verstoßes gegen das Betretungsverbot der hiesigen Gemeinde und wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu einer Gefängnisstrafe von drei Wochen. Abführen, Gerichtsdiener. Und jetzt brauche ich eine Pause. In einer halben Stunde geht es weiter.“

Eine halbe Stunde später

Der Gerichtsdiener rief die Zuschauer herein und bat um Erhebung von den Plätzen beim Eintritt des ehrenwerten Herrn Amtsrichters von Kyew. „Danke, setzen. Und nun zu Ihnen, Conrad. Ihres Zeichens sind Sie ein Redakteur, wie ich hier lese.“ Der so betitelte grinste frech. „Sehr wohl, Herr Amtsrichter. Ich bin ein Mann der freien Presse aus der Reichshauptstadt.“ „Na ja. Sie schreiben wohl eher für eines dieser Schmierenblätter. Und so unbescholten sind Sie auch nicht.“ Der Richter blättert in den Unterlagen. „In Ihrer Akte finde ich Anklagen und Verurteilungen wegen Widerstands, Hausfriedenbruchs und anderer Delikte.“

Auf der Durchreise

„Alles Justizirrtümer, Herr Richter.“ Von Kyew lachte. „Ach nee. Immer wieder die gleiche Masche. Von Ihnen hätte ich schon etwas mehr Kreativität erwartet. Aber kommen wir zur Sache. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, mir hier irgendwelche Märchen anzuhören. Sie haben am 16. Mai dieses Jahres im Gasthof Pieschen auf der Hafenstraße 38 beim Restaurateur Heinrich Schäfer logiert. Stimmt das?“

„Jawohl, ich war hier auf Durchreise.“ „Und in diesem ehrbaren Etablissement sind Sie als Sittenstrolch aufgefallen.“ „Einspruch Euer Ehren. Ich war hier Gast und bin ein ehrbarer Redakteur, dem man Ehrrühriges in die Schuhe schieben will.“ Die Zuschauer reckten die Hälse und waren still. Jetzt wurde es interessant.

„Nun Conrad, in die Schuhe hat man Ihnen nichts geschoben. Sie haben den Gästen am Tisch, alles ehrbare Bürger dieser Gemeinde, unzüchtige Bilder gezeigt und zum Kauf angeboten.“ „Ich habe sie auf meinem Zimmer gefunden und wollte diese schmutzigen Bilder nur zeigen, um sie dann der Polizei zu übergeben.“ Der Amtsrichter schaute über den Rand seiner Lesebrille hin zum Angeklagten.

Der Zeuge

„Gerichtsdiener, bringen Sie mal den Zeugen Max Meyer herein, seines Zeichens Molkereiladenbesitzer auf der Mohnstraße 25. Herr Meyer, sind Sie der von der Mohnstraße?“ „Aber Herr Richter, Sie kennen mich doch.“ „Die Frage ist nur fürs Protokoll. Also lieber Herr Meyer, ist dies der Mann, der unsittliche Bildnisse am Abend des 16. Mai im besagten Etablissement zeigte?“ „Jawohl, Herr Richter. Das ist er.“ „Erzählen Sie mal, was er zeigte.“

Fotos mit unzüchtigen Handlungen

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Jeder im Raum hielt den Atem an. „Nachdem wir ein paar Bier und einige Schnäpse auf das Wohl des Kaisers getrunken hatten, holte dieser Herr da einige Bilder aus seiner Jackentasche. … Ich schäme mich Herr Amtsrichter.“ „Kein Grund zum Schämen, wir brauchen für die Urteilsfindung nur den genauen Hergang. Was war auf den Bildern zu sehen?“ Meyer brauchte eine Weile, ehe er sich einigermaßen im Griff hatte. „Also … auf den Bildern waren Frauen … alle … nnnackt.“

Ein Raunen ging durch die Reihen der Zuschauer. „Alle von vvvorn und von hhhinten zu sehen.“ Wieder stöhnte das Publikum auf. „Auf einigen Bildern waren auch Männer dabei … auch nnnackt.“ Das Stöhnen wurde lauter. „Und die machten … unzüchtige Handlungen.“ „Welche Handlungen?“, fragte der Richter. „Naja, das was man so macht … halt … wenn … Mann und Frau … ihren ehelichten Pflichten nachkommen. Aber auch noch andere Sachen, die unser Herr Pfarrer sehr missbilligen würde und die gegen die guten Sitten verstoßen und die ich hier nicht aussprechen möchte.“

Erste Pfui-Rufe erschollen. Der Richter bat um Ruhe. „Jetzt kommt die entscheidende Frage. Und die müssen Sie wahrheitsgetreu beantworten. Hat Ihnen der hier anwesende Angeklagte gesagt, dass er diese Bilder in seinem Gästezimmer gefunden habe?“ „Nein.“ Hat der hier anwesende Angeklagte gesagt, wo er diese Bildnisse herhat?“ „Er sagte, die sind in Berlin hoch im Kurs und werden ihm geradezu aus den Händen gerissen. Man müsse sie jetzt kaufen, denn morgen sei es womöglich zu spät.“

„Alles Lüge“, echauffierte sich Conrad. Mit einer Handbewegung brachte ihn der Richter zur Ruhe.

„Ich frage noch einmal. Dieser Angeklagte hat Ihnen diesen Schweinskram wirklich zum Kauf angeboten?“ „Ja, Herr Richter. Für eine Mark die nackten Frauenbilder und für 3 Mark die mit den unzüchtigen, na Sie wissen schon, … Handlungen.“ Die Pfui-Rufe vermehrten sich zu einem Sturm der Entrüstung, wobei es sicher einige für gut befunden hätten, dass man ihnen die Bilder auch gezeigt hätte. Der Richter klopfte, Ruhe gebietend, mehrmals mit seinem Hammer auf sein Pult.

Das Urteil

„Angeklagter Conrad, ich will es kurz machen. Mein Feierabendbier wartet. Bei der Zimmerdurchsuchung durch die hiesige Gendarmerie fanden sich noch etliche dieser schmuddeligen Perversitäten in Ihrem Koffer. Sie haben durch deren öffentliches Zeigen und der Nötigung zum Kauf dieser unzüchtigen Darstellungen die Sittlichkeit dieser ehrbaren Bürger in erheblicher Gefahr gebracht. Das mag zwar im Sündenbabel Berlin nichts Besonderes mehr sein. Aber hier in unseren beschaulichen, sittsamen, sächsischen Landen ist das höchst verwerflich. Ich verurteile Sie zu 10 Tagen Gefängnis und hoffe, Sie nie wieder hier zu sehen. Der Gerichtstag ist hiermit geschlossen.“ Zur Bestätigung klopfte der richterliche Hammer dreimal auf das Pult.

Unser Autor:
Der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb durchstöbert für seine Geschichten mit Vorliebe die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek.

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