Frühgemüsezentrum Kaditz frühblüher

Unmut über Schließung der Wochenmärkte wächst – Marktgilde kritisiert mangelnde Gesprächsbereitschaft

100.000 Stiefmütterchen, Hornveilchen, Ranunkeln und Vergissmeinnicht stehen in einem großen Gewächshaus des Frühgemüsezentrums Kaditz. Seit Anfang März läuft die Gurkenernte. „Auf 6.200 Quadratmetern wachsen hier 8.800 Pflanzen“, sagt Geschäftsführer Klaus Grießig. Blumen und Gurken sollten jetzt auf den Wochenmärkten in Dresden und Umgebung verkauft werden. Doch in Sachsen geht das nicht. Als einziges Bundesland hat der Freistaat die Wochenmärkte verboten. Selbst im Nachbarland Bayern mit seinen restriktiven Coronaregeln sind sie ausdrücklich erlaubt. In der Positivliste der geöffneten Geschäfte heißt es, „der Lebensmittelbegriff ist weit auszulegen“. Wochenmärkte und Bauernmärkte werden ausdrücklich genannt.

Die Dresdner Stadtverwaltung hat sich bis zuletzt gegen die Schließung der Wochenmärkte gewehrt. Am Mittwoch hatte dann das Sächsische Innenministerium die Allgemeinverfügung präzisiert und die Durchführung von Wochenmärkten landesweit untersagt. Viele Kleinbauern und Direktvermarkter seien davon hart getroffen, da sie ihre Waren nun nicht mehr vor Ort anbieten können, hatte Rathaussprecher Kai Schulz die Entscheidung kommentiert und ergänzt. „Dies ist umso bedauerlicher, als dass in den großen Lebensmittel-Ketten in der Regel Obst und Gemüse angeboten wird, welches aus Italien, Frankreich oder Spanien kommt und damit in der jetzigen Situation durch halb Europa gefahren wird“.

Frühgemüsezentrum Kaditz Gurken

Wer kauft? Seit Anfang März läuft die Ernte bei den 8.800 Gurkenpflanzen. Foto: W. Schenk

Für Katrin Schiel, Leiterin der Dresdner Niederlassung der Deutschen Marktgilde, ist die Entscheidung des Innenministeriums nicht nachvollziehbar. „Wir betreiben 24 Standorte in Sachsen, auch die zehn Wochenmärkte in Dresden. Uns ärgert besonders, dass die Entscheidung offenbar nur wegen der Berichterstattung über die Wochenmärkte in der Lingnerallee und auf dem Schillerplatz getroffen wurde“, sagt sie im Gespräch mit dem Onlinejournal Pieschen Aktuell.

Katrin Schiel: Warum geht man nicht auf uns zu?

Die Händler hatten sich längst auf die neue Situation eingestellt. Es gab Hinweisschilder zur Abstandsregelung für die Kunden. „Es könnten uns ja Auflagen für die Durchführung der Wochenmärkte übermittelt werden“, erklärt sie. So könne auf den Märkten die Entfernung zwischen den Ständen auf bis zu zehn Meter vergrößert werden. Das sei auch auf der Kopernikusstraße in Pieschen möglich. Die Wochenmärkte könnten verkleinert werden, eine Verteilung auf mehrere Markttage sei denkbar, führt Katrin Schiel Beispiele an. Sie vermisst die Gesprächsbereitschaft in den Ministerien. Trotz mehrerer Anfragen und Vorschläge gebe es von dort bisher keine Reaktion. „Ich bin wütend darüber, dass man nicht auf uns zugeht“, sagt sie und klingt dabei ziemlich frustriert.

Ein Abstecher auf den Wochenmarkt im brandenburgischen Elsterwerda habe ihr gezeigt, wie einfallsreich die Händler agieren – sogar Plexiglasschutz hätten einige an ihren Ständen angebracht. Auch die Einhaltung der Abstandsregeln durch die Kunden sei kein Problem. „Das Dresdner Amt für Wirtschaftsförderung, das für die kommunalen Märkte zuständig ist, wollte uns sogar mit seinen eigenen Marktmeistern bei der Durchführung der Märkte unterstützen“, erklärt Katrin Schiel.

Klaus Grießig: Wochenmärkte sind enorm wichtig

Klaus Grießig blickt auf die Frühblüher im Gewächshaus. „Ich kann einen Teil der Pflanzen nach Berlin bringen. Dort haben die Wochenmärkte noch geöffnet“, sagt er. Seine wichtigsten Absatzwege seien jedoch die Baumärkte, die Blumengeschäfte und die Wochenmärkte in Dresden und Umgebung. „Die Wochenmärkte sind enorm wichtig“, sagt er. Mit ihnen breche mehr als die Hälfte der Abnehmer weg. Die Gurken könnte er auch an die Discounter und Lebensmittelketten verkaufen. Das Problem: „Dort werde ich sie nur zum halben Preis los.“

Der Gärtnermeister macht sich auch Sorgen um seine 24 Beschäftigten. Eigentlich sollte das Team in der Saison auf 35 aufgestockt werden. „Die Arbeit muss jetzt gemacht werden. Ich muss am Ende aber auch alle bezahlen können“, sagt er. Nach den Frühblühern kommen die Beet- und Balkonpflanzen, Gurken- und Tomatenjungpflanzen. Klaus Reißig hofft nun auf ein Einlenken der Behörden. Katrin Schiel hofft auf mehr Widerstand aus den sächsischen Kommunen gegen das Wochenmarkt-Verbot.

Vorschlag: Obst und Gemüse aufkaufen und an Bedürftige verteilen

Die Dresdner Grünen haben gestern vorgeschlagen, dass die Stadtverwaltung Obst und Gemüse von den lokalen Produzenten aufkaufen soll, um damit Bedürftige in der Stadt zu unterstützen. Der Bedarf sei da, betonte Grünen-Stadträtin Anja Osiander. „7.000 Kinder in Dresden bekommen wegen der Schließung von Schulen und Kitas kein kostenloses Mittagessen mehr. Diese Mahlzeit wird im normalen Betrieb von der Stadt aus Bundesmitteln im Rahmen des Programms Bildung und Teilhabe bezahlt.  Bei der Dresdner Tafel sind mehr als 3800 Bedürftige registriert“. Es leuchte überhaupt nicht ein, „den Verkauf im Freien zu untersagen, während die Supermärkte geöffnet bleiben sollen. Die Produktion in der Region reduziert das Risiko, Viren quer durch Europa zu übertragen“, betonte Osiander und fügte hinzu. „Deshalb sollte sie gestärkt werden und nicht stillgelegt.“

 

 

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