Run and Gone Start

„Run and Gone“ oder wofür es sich lohnt, clean zu bleiben

Sieben Tage, sieben Etappen, 296 Kilometer. Von Weißwasser über Niesky, Dresden, Freiberg bis zum Finale am vergangenen Freitag in Großrückerswalde. Das ist „Run and Gone. Gemeinsam Laufen“. Am vergangenen Mittwoch machten Reno Werner und seine Mitstreiter Jörg Fischer und Roberto Füger mit ihrem Laufprojekt Station in Dresden. In der Leipziger Straße 26 besuchten sie junge Leute, die nach einer erfolgreichen Entwöhnungstherapie auf dem Weg zurück in den Alltag sind und in pädagogisch-therapeutischen Wohngruppen in und um Dresden leben. Die Radebeuler Sozialprojekte gGmbH (Rasop) betreibt diese Einrichtungen, hat in Pieschen auch eine spezielle Mutter-Kind-Wohngruppe.

Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe

Reno Werner (36), Jörg Fischer (50) und Roberto Füger (36) wissen, wovon sie reden, wenn sie in diesen oder anderen Runden mit Jugendlichen ins Gespräch kommen. Alle blicken auf eine jahrelange Abhängigkeit von Alkohol, Drogen und/oder Medikamenten zurück, haben aber letztlich nach hartem Kampf und manchen Rückschlägen den Absprung geschafft und ihre Sucht erfolgreich überwunden. Sie haben einen Sinn in ihrem Leben gefunden, für den es sich lohnt, clean zu leben.

Nach der Gesprächsrunde: Reno Werner, Jörg Fischer, Jenny Sauer, davor hockend Roberto Füger (v.l.n.r.) mit einigen Klienten der Radebeuler Sozialprojekte. Foto: C. Trache

Alle drei haben entdeckten in ihrer Therapiezeit das Laufen für sich. Es dient als Ventil, um vom Alltag abzuschalten und bringt ein Gefühl der Erfüllung. 2016 riefen sie darum gemeinsam das Projekt „Run and Gone. Gemeinsam Laufen“ ins Leben. Sie wollten bei der Prävention mitwirken und ihre Erfahrungen an junge Leute mit Suchtproblemen weitergeben und sie darin zu bestärken, ihren Weg zu finden und zu gehen. Seit 2018 sind Dresden und die Radebeuler Sozialprojekte eine der sieben Laufetappen. Das hat seinen Grund. 2006/2007 wurde Reno Werner als Klient von der Rasop nach einer Langzeittherapie in Dresden ambulant betreut. Damals hatte die Einrichtung noch ihren Sitz in der Leipziger Straße 76 – dort wo sich bis 1991 die Vorführapparate im Kino Faunpalast drehten.

Sieben Etappen – Laufen und Reden

Die einwöchige Lauftour mit sieben Etappen begann am 31. August in Weißwasser, der Heimatstadt von Reno Werner. Dort hat er bereits viele Unterstützer für sein Projekt gefunden. Jeden Tag stehen für ihn und seine Mitstreiter Jörg Fischer, Roberto Füger und seit diesem Jahr auch dessen Freundin Jenny Sauer etwa 24 bis 55 Kilometer auf dem Programm. Meist laufen zwei und zwei fahren mit dem Fahrrad nebenher. Seit 2016 haben sie ihr Projekt mehr und mehr ausgebaut. Die Entgiftungsstation des sächsischen Krankenhauses Großschweidnitz ist ebenso Gesprächsstation, wie die Entgiftungsstation des Krankenhauses Arnsdorf, die Radebeuler Sozialprojekte gGmbH und die Langzeittherapieeinrichtung „Alte Flugschule“ Großrückertswalde. Die Alte Flugschule hat für Reno Werner und Roberto Füger eine besondere Bedeutung. Hier haben sie den Weg in ihr heutiges Leben geebnet. Fast schon traditionell beschließen sie ihre Laufwoche mit der Teilnahme am Gassenlauf in Großrückertswalde.

Zum Thema:

Die Radebeuler Sozialprojekte gemeinnützige GmbH wurde von Eckard Mann am 01.10.2000 gegründet mit dem Ziel fachlich qualifizierte Angebote in der Jugend- und Sozialhilfe in Radebeul und Dresden zu schaffen mit dem Schwerpunkt Suchthilfe. Neben pädagogisch-therapeutischen Wohngruppen in Priestewitz bei Großenhain und Oberlichtenau bei Pulsnitz, betreiben sie unter anderem die Wohngruppe „Mutter und Kind T6“ sowie das Cleane Wohnprojekt mit den Standorten Leipziger Straße und Waltherstraße.

In Dresden erzählten die drei sehr offen über ihre Drogenkarriere, über die Höhe und Tiefen, die sie durchlebten, ehe sie dort waren, wo sie heute sind. Die Jugendlichen hörten interessiert zu. Einige wenige getrauten sich, gezielt nachzufragen oder ihre eigene Geschichte zu erzählen. Auch wenn die Konzentration zwischendurch bei dem einen oder anderen nachließ, so war es doch beeindruckend, wie gebannt und mucksmäuschenstill sie den Ausführungen eines Klienten der Rasop lauschten, der seit ein paar Wochen im cleanen Wohnprojekt W23 an der Waltherstraße 23 in der Friedrichstadt weiter dafür kämpft, seinem Leben einen Sinn auch ohne Drogen zu geben.

Erfahrungen weitergeben und Präventionsarbeit leisten

Durch das Laufen nehmen die drei Projektinitiatoren ihre Umwelt und auch sich selbst ganz anders wahr. Das gemeinsame Laufen ist aber auch einfach Spaß. „Laufen ist für mich ein wortloses Glück“. Das Zitat stammt aus dem Buch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. Geschrieben hat es der japanische Schriftstellers Haruki Murakami und nun leitet es das Video ein, das die Jugendlichen zu Beginn der Gesprächsrunde sehen. „Während des Laufens erleben wir Licht und Schatten, wie im normalen Leben. Auch bei Regen laufen wir weiter und kehren nicht einfach um“, erzählt Roberto Füger. „Wenn ein Streckenabschnitt endlos geradeaus verläuft und man gar kein Ziel sieht, dann suchen wir uns Zwischenetappen und freuen uns, wenn wir diese erreicht haben. Dann nehmen wir die nächste Zwischenetappe in Angriff, bis wir am eigentlichen Ziel angekommen sind“, ergänzt Jörg Fischer.

Kleine Ziele, kleine Erfolgserlebnisse – das sind Lehren aus dem Kampf weg von den Drogen. Das mussten sie lernen, ebenso wir die Tatsache, dass das Leben aus Licht und Schatten besteht. Die Erkenntnis nutzen sie bei ihrem eigenen Laufprojekt: 2016 begannen sie und sammelten erste Erfahrungen, 2018 brachten sie ihre eigenen Internetseite an den Start. Hier stellen sie sich und ihr Projekt ausführlich vor. Noch in diesem Jahr ist die Gründung eines gemeinnützigen Vereins geplant – mit dem Ziel, weiter in der Präventionsarbeit tätig zu sein und dabei verstärkt in Schulen zu gehen oder an anderen Orten mit Jugendlichen in Krisensituationen ins Gespräch zu kommen.

Am Ende der Gesprächsrunde in den Rasop-Räumen in der Leipziger Straße begleiteten fast alle Jugendlichen das Team des Laufprojekts ein Stück auf der aktuellen Etappe von über Freital nach Freiberg. Vom Elbradweg in Höhe Eisenberger Straße ging es über die Marienbrücke bis ins Ostragehege. Unterwegs wurde weiter geredet. Im kommenden Jahr steht ein Stopp in Pieschen wieder auf dem Plan. Neben interessanten Begegnungen gibt es dann doppelten Grund zu feiern: 5 Jahre Laufprojekt Run & Gone und 20 Jahre Radebeuler Sozialprojekte gGmbH.

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