Mollybetiker Dresden

Mollybetiker Dresden – die Selbsthilfegruppe für viele zur Heimat geworden

Jeden zweiten Sonnabend im Monat treffen sich die Mollybetiker um 15 Uhr in der Mitarbeiter-Cafeteria des Städtischen Klinikums Dresden-Neustadt an der Industriestraße 40. Zwischen zehn und 40 Teilnehmer kommen in der Regel. 2008 gründete Bernd Mühle mit sechs weiteren Gleichgesinnten die Selbsthilfegruppe Mollybetiker Dresden, um von Übergewichtigkeit Betroffenen eine Plattform des Erfahrungsaustausches zu geben.

„Einige von ihnen kommen seit vielen Jahren. Andere nutzen die Möglichkeit vor einer geplanten Magen-Bypass-Operation ihre Fragen und Ängste loszuwerden und mit uns über unsere Erfahrungen zu sprechen. Wiederum andere kommen mit dem Plan einer konventionellen Gewichtsabnahme“, erzählt Ines John. Sie hat vor zwei Jahren die Leitung der Selbsthilfegruppe von Bernd Mühle übernommen und setzt seine Arbeit fort. Mit großem Engagement organisiert sie nicht nur Referenten für interessante Arztvorträge, die mehrmals im Jahr in der Gruppe stattfinden. Sie steht in engem Kontakt zum Klinikum sowie zur Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen.  Gemeinsam mit drei weiteren Gruppenmitgliedern stellt sie bei der monatlichen Informationsveranstaltung des Adipositas-Zentrums die Selbsthilfegruppe vor.

Jede zehnte Frau leidet an einer Fettverteilungsstörung

Adipositas ist eine Krankheit. Auch über die Ursachen wird in der Gruppe gesprochen. Psychische Erkrankungen, familiäre Erziehung, wie das Thema „Essen“ vorgelebt wurde oder auch genetische Veranlagung können unter anderem zu Übergewicht bzw. Fettleibigkeit führen. Eine immer größere Rolle spielt die chronische Erkrankung Lipödem, eine Fettverteilungsstörung, die etwa zehn Prozent aller Frauen in Deutschland betrifft. Der Leidensweg der Betroffenen ist oft lang, ehe ein Arzt die Ursache des Übergewichts erkennt. Neben den zunehmenden körperlichen Beschwerden, kommen psychische Probleme dazu: schwindendes Selbstwertgefühl, die Ausgrenzung durch die Gesellschaft. Sprüche, wie „Iss halt weniger und mach mehr Sport“ oder „Sie sind schon so fett, müssen Sie jetzt noch ein Eis essen?“, sind verletzend und helfen nicht weiter.

Mollybetiker Ines John Bernd Mühle

Ines John, die jetzige Leiterin der Selbsthilfegruppe, und Bernd Mühle, Gründer der Gruppe. Foto: C. Trache

Bernd Mühle hat durch die Selbsthilfegruppe wieder mehr Selbstbewusstsein erlangt. Ins Schwimmbad traut er sich dennoch nicht mehr, obwohl das für seine Gelenke eine sehr gute sportliche Betätigung wäre. Die Scham, sich nahezu unbekleidet zeigen zu müssen und den Sprüchen der anderen ausgeliefert zu sein, hat ihm den Mut genommen.

„Die Gruppe ist für mich ein Art Heimat“

Heiko Deistler besucht seit elf Monaten die Selbsthilfegruppe. „Durch das Adipositas-Zentrum bin ich zu den Mollybetikern gekommen. Vor der OP hatte ich etwas Angst. Ich hatte nach der OP viele Fragen, wie es weitergeht. Von der Gruppe wurde ich toll aufgenommen“, erzählt der 57-Jährige.

Eine andere Teilnehmerin hatte vor knapp zehn Jahren ihre Magen-OP. Damals lebte sie noch im Erzgebirge und ist dennoch einmal im Monat extra nach Dresden zum Treffen der Selbsthilfegruppe gefahren. Heute lebt sie in Dresden und kommt immer noch regelmäßig. „Die Geselligkeit in der Gruppe ist angenehm. Aber auch die Vorträge sind interessant“, erzählt sie. Sie hat es geschafft und über die Jahre ihr Gewicht gehalten.

„Adipositas wird man sein ganzes Leben lang nicht los“, sagt eine weitere Teilnehmerin. „Auch wenn man nach der Operation viele Jahre gute Ziele erreicht, kann es dennoch wieder kippen. Die Psyche spielt dabei eine große Rolle. Die Gruppe ist für mich eine Art Heimat.“

„Die Selbsthilfegruppe ist eine gute Sache, eben eine Hilfe zur Selbsthilfe. Dennoch darf man nicht vergessen, dass auch wir an unsere Grenzen stoßen und nicht immer jedem in jeder Situation helfen können. Verständnis füreinander zu haben, ist manchmal schon viel wert“, ergänzt eine weitere Betroffene.

Nach der gemeinsamen Gesprächsrunde treffen sich viele der Teilnehmer noch zu einem individuellen Plausch bei einer Tasse Kaffee in der Cafeteria „Güntz“.

Über die Selbsthilfegruppe ist inzwischen auch die Facebook-Gruppe „Adipositaszentrum Dresden-Neustadt“ entstanden, wo sich Betroffene kurzfristig über Fragen, Probleme und Sorgen austauschen können. Wer in diese Gruppe aufgenommen werden möchte, muss vor der Anmeldung drei Fragen beantworten, denn diese Gruppe soll wirklich nur für tatsächlich Betroffene sein, welche im Adipositas-Zentrum in Behandlung sind.

Sporttag und Rezeptesammlung

Ines John hält die organisatorischen Fäden der Gruppe zusammen. Doch viele Initiativen kommen auch aus der Gruppe selbst. Wanderungen werden organisiert. Einmal im Monat geht es zum Bowling. Nicht zu vergessen der Stammtisch, Plauderabende oder die Weihnachtsfeier. Sylvia Naumann kümmert sich in der Gruppe inzwischen um sportliche Themen und Ernährung. Die 53-Jährige konnte sich bis zu ihrer Magen-Bypass-Operation vor vier Jahren nicht vorstellen, jemals als Rehasport-Trainerin zu arbeiten. Doch genau das macht sie heute, leitet unter anderem eine Adipositas-Sportgruppe in einem Verein. Für die Selbsthilfegruppe organisiert sie einmal im Jahr einen gemeinsamen Sporttag.

Eins kommt im Gespräch mit der Gruppe deutlich heraus: Übergewichtige sind nicht faul! Die Hemmschwelle, in ein Fitnessstudio oder auch in ein Schwimmbad zu gehen, ist bei vielen jedoch sehr hoch. Man braucht schon einiges Selbstbewusstsein, um die Blicke oder auch verletzenden Bemerkungen der Mitmenschen zu ertragen oder zu ignorieren.

Sylvia Naumann sammelt auch Rezepte für besonders eiweißhaltige Gerichte. Rund 120 sind inzwischen zusammengekommen. Alle von den Mitgliedern erprobt. „Nach einer Magen-OP muss man dauerhaft die Ernährung umstellen und auf eine eiweißreiche Ernährung achten. Das ist gar nicht so einfach, denn 12 Eier am Tag schafft man in der Regel nicht zu essen“, erläutert Sylvia Naumann. Die Rezeptsammlung erhalten die Mitglieder gegen einen geringen Unkostenbeitrag auf Wunsch digital oder in gedruckter Form. Die Sammlung wird ständig erweitert.

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