Andreas Grolms und Florence Scharfe

Das zweite Leben der Dinge – Der bunte Laden

„Bunt ja bunt sind alle meine Kleider“ – das treffende Lied für Andreas Grolms, Besitzer des Bunten Ladens auf der Bürgerstraße, der seit 15 Jahren mehr ist als ein nur ein Second-Hand-Geschäft für Kinderkleidung. Hier zeigt sich, wie politisch einkaufen sein kann. Und dass die zweite Hälfte vom Nehmen das Geben ist.

„Gebraucht“ ist für viele Menschen – gerade, wenn es um Kleidung geht – ein Attribut, das Berührungsängste auslöst. Zu unrecht, sagen Andreas Grolms und seine Mitarbeiterin Florence Scharfe und setzen sich mit ihrem Laden für ein positiveres Image der Weiternutzung von wertiger Bekleidung ein. „Gerade Kinderbekleidung“, argumentiert Andreas Grolms, „ist sehr schnelllebig, weil ihre kleinen TrägerInnen es sind. Kaum sind Schuhe, Jacken und Pullover gekauft, sind sie schon fast wieder zu klein. Wohin also mit dem intakten Kleidungsstück?“

Im Bunten Laden bekommen KundInnen 50 Prozent des Erlöses eines verkauften Artikels

Im Bunten Laden bekommen KundInnen 50 Prozent des Erlöses eines verkauften Artikels.

Andreas ist seit 2002 selbst Vater, erkannte das Problem und beschloss, dessen Lösung zu seinem Beruf zu machen. Auf der Bürgerstraße 33 eröffnete er 2004 auf wenigen Quadratmetern sein Geschäft, das mittlerweile die Hausnummer gewechselt und sich vergrößert hat. Er wollte eine Alternative zu den Kleiderspenden bieten, die ihrerseits Profit aus den Klamotten schlagen, ohne die SpenderInnen zu beteiligen. Jedes Kleidungsstück wird im Bunten Laden etikettiert, sodass seine Zugehörigkeit nachgewiesen werden kann. Wird ein Stück verkauft, erhält der/die BesitzerIn die Hälfte des Preises. Für drei Monate bleiben die Artikel im Regal, zweimal im Jahr wird sortiert. Aber auch zwischendurch können KundInnen dank der Etiketten „Kassensturz“ machen und sich ausbezahlen lassen, erklärt Andreas.

„Viele sind froh, die Kleidung in guten Händen zu wissen und belassen sie auch nach Ablauf der Frist bei uns“, berichtet Andreas. Denn die Nutzung der Kleider für den guten Zweck ist an dieser Stelle nicht beendet. Über den Laden erfuhr das Team von der Arbeit des Kinderhilfe für Siebenbürgen e.V., der in Rumänien ein Kinderhaus unterhält.  Man beschloss, die Vereinsarbeit mit regelmäßigen Sachspenden zu unterstützen. Im Bunten Laden verbliebene Sachen werden nach Stapelburg und von dort aus zweimal jährlich direkt nach Siebenbürgen gebracht. „Mitten in Europa leben Menschen unter unmenschlichen Bedingungen“, sagt Florence. Empört ist sie, wenn Menschen zerschlissene und zerfledderte Klamotten als Spende anbieten. Als sei Müll gut genug. „Wo bleibt denn da die Menschenwürde? Auch ärmere Menschen haben das Recht darauf, sich schön anzuziehen.“

Gegründet auf der Nummer 33, ausgebreitet auf der Nummer 20: Der bunte Laden

Gegründet auf der Nummer 33, ausgebreitet auf der Nummer 20: Der bunte Laden.

Von dem Konzept der „Zweiten Hand“ profitieren alle Beteiligten. Es sensibilisiert für einen Wert, der über den Eigen-Nutz hinausgeht. Die Kinder- und Damenkleidung, die gebürsteten Schuhe, Stubenwagen, Puppenhäuser machen nachdenklich in Anbetracht der gigantischen Berge an Gütern, die täglich unter teils menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden. Massen, die viel zu häufig als Müll enden. Die einen produzieren, die anderen konsumieren. Eine globales Zweiklassenprinzip. Drastisch, aber wahr.

Im Bunten Laden treffen auch Gegensätze aufeinander – und geraten in einen produktiven Austausch. „Die Schere ist groß“, sagt Florence über das Kunden-Konglomerat. Nicht selten sei ein Besuch schambehaftet – weniger als andere zu haben ist auch emotional eine Last. Bedürftige, ökologisch und ethisch Bewusste, Markenuninteressierte, Kinderreiche – die Kundschaft im Bunten Laden ist vielfältig. Der Einkaufsort ist zu einer gemeinsamen Schnittmenge geworden.

Räumlich vergrößern könnte sich Andreas Grolms theoretisch immer – aber schon jetzt haben er und Florence alle Hände voll zu tun. In der Vielzahl der Artikel Ordnung zu halten ist eine Herausforderung. Beim Stöbern verräumte oder heruntergeworfene Dinge müssen wieder an ihren Platz („Der Zeitgeist“, seufzt Andreas), Neuzugänge müssen gesichtet und sortiert werden. Die Abgabe von Ware ist nach einer telefonischen Terminabsprache möglich. Auf Discountermarken verzichtet der Bunte Laden in der Regel. „Das macht ökologisch und betriebswirtschaftlich keinen Sinn“, erklärt Andreas.

Auf den Kleiderbügeln in den First-Hand-Läden drängt sich jetzt schon die Frühlings- und Sommermode. Im bunten Laden ist, passend zur Jahreszeit, Winter. Gleich neben der Tür warten Faschingskostüme auf ihren nächsten Auftritt und ihr nächstes Leben.

Der bunte Laden
Bürgerstraße 20
Montag bis Freitag 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17:30 Uhr
Sonnabend 10 bis 12 Uhr
http://www.derbunteladen-dresden.de/

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