Klaus Schiemann: "Glauben Sie nicht, dass es hier heller wird"

Vom Schlossherrn zum „Landstreicher“

Bevor Klaus Schiemann den „Landstreicher“ am Elberadweg übernahm, leitete er 31 Jahre lang die Gastronomie auf Schloss Moritzburg. Der Abschied sei ihm natürlich nicht leicht gefallen. Doch vom Schloss nahm er, wie die kluge Bauerstochter, mit, was ihm am liebsten war: einen Teil seiner MitarbeiterInnen und die Lust am Gastwirt-Sein.

Nicht lebendig, aber freundlich: Einer der Dauergäste im Landstreicher

Nicht lebendig, aber freundlich: Einer der Dauergäste im Landstreicher

„Der Wirt gehört hinter den Tresen“, sagt Klaus Schiemann überzeugt. Dort steht er allabendlich in seinem „Trödelladen mit großer Speisekarte“, wie er sein Lokal nennt. Der weitläufige, mit Säulen bestückte Raum ist in viele kleine gemütliche Sitzecken unterteilt. Schindeldächer, Mauern, Sofas, ein Klavier und unüberschaubare Berge an Nippes und Kram bilden das Interieur, durch das Kinder juchzend streifen und das vor so manch räuberischem Gast nicht sicher ist. „Es gibt hier Herren, die setzen gern mal den Kreuzschraubenzieher an“, berichtet Schiemann. Aber er sei gewappnet: Mit einem Lager an historischen Ersatz-Blechschildern. Unzählige Sitzplätze bietet der „Landstreicher“: Eine anspruchsvolle Aufgabe für das Servicepersonal. „Aber“, räumt Klaus Schiemann ein, „voll besetzt ist es nie ganz. Die Deutschen sitzen lieber einzeln. Nicht wie in Italien, wo man sich zusammensetzt und plaudert.“

„Ich bin kein Revoluzzer“, sagt Klaus Schiemann. Für ihn sei es nie infrage gekommen, „in den Westen“ zu gehen. Ebenso felsenfest stand die Tatsache, dass er Gastronom ist. Er lernte und arbeitete in Interhotel und Bellevue. „Ich arbeite gern mit Gästen“, sagt er und springt auf, um kurz mit einem Lieferanten zu verhandeln.

Urig und glanzvoll und bestimmt nie langweilig: Der Landstreicher

Urig und glanzvoll und bestimmt nie langweilig: Der Landstreicher

„Aus Fremden werden Freunde“, steht auf den T-Shirts der Kellnerinnen. Man könnte meinen, so direkt am Elberadweg sei die Wirtschaft hauptsächlich Einflugschneise für Radler. Klaus Schiemann schüttelt den Kopf: „85 Prozent der Gäste sind Stammkunden.“ Die Küche des Landstreichers bietet deftige Hausmannskost. Schon ein anderes Kaliber als Kaviarschnittchen und Schampus. Klaus Schiemann erinnert sich an seine Zeit auf Schloss Moritzburg: Im Jahr richtete er dort zwischen 50 und 70 opulente Hochzeitsfeste für die Reichen und Schönen aus. Darf ich Ihnen den Nerz abnehmen? Politiker und Promis gaben sich die Klinke in die Hand. Hier kommt immerhin Markus Ulbig zum Mittagstisch. Schwingt da ein wenig Wehmut mit?

Klaus Schiemann verneint. Pieschen sei „vielfältiger und fetziger“ und die Dinge sind nun einmal geschehen, wie sie geschehen sind. Klaus Schiemann ist einer, der anpackt. Als 1992 die Generalüberholung von Schloss Moritzburg begann, hätte Schiemann 19 Monate Zwangspause überbrücken müssen. Aber er ist keiner, der stillsteht. Fünf Mitglieder seines Teams entschieden sich dazu, mit ihm zu gehen, berichtet er. Er fand das Lokal „Landstreicher“ und investierte. Geändert habe er nichts Grundsätzliches. „Wenn etwas läuft: Bloß nichts verändern.“ Das gilt auch für die Kolleginnen und Kollegen, zu denen Schiemann ein „auskömmliches Verhältnis“ pflegt. Die Besatzung ist ein eingespieltes Team, manche Mitarbeiter begleiten Schiemann seit den 80ern. „Irgendwas scheint zu stimmen“, kommentiert er.

Der Landstreicher direkt am Elberadweg

Der Landstreicher direkt am Elberadweg

Parallel zum „Landstreicher“ betreibt Schiemann die „Micktner Weibswirtschaft“, das Gesellschaftzimmer des „Landstreichers“, wie er sagt. Hier bietet er Platz für Hochzeiten und Geburtstage an und wenn es im „Landstreicher“ doch mal rappelvoll ist, kann er „25 Menschen noch was Gutes tun“ und sie in die „Weibswirtschaft“ schicken.

Damit keine Langeweile aufkommt, gönnt sich Schiemann das „ein oder andere Bonbon“ in Form von Extravaganzen. Der Sprinter des „Landstreicher“ beispielsweise ist komplett himmelblau lackiert, erzählt er nicht ohne Stolz. Für das Foto posiert der Chef an seinem Stammplatz hinter dem Tresen. Dann hüpft er auch schon weiter: Das Geschäft ruht nicht. „Bleiben Sie fröhlich!“, ruft er zum Abschied und ich streiche über Land davon.

Gasthaus „Zum Landstreicher“
Kötzschenbroder Straße 20
täglich ab 11 Uhr geöffnet

3 Meinungen zu “Vom Schlossherrn zum „Landstreicher“

  1. Wir sind extrem gerne im Landstreicher. Das Essen war bisher immer hervorragend und die Szenerie ist wunderschön.

    Was wir noch nicht geschafft haben: mal „drinne“ zu sitzen, der Biergarten ist zu verlockend.

    Was meine Frau am häufigsten bemängelt: „Die Portionen sind dort so groß, so viel hunger habe ich gerade nicht“.

    Und betreffs des letzten, kann ich mir durchaus schlimmere Probleme vorstellen. 😀

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